Kolumne

Jedem Volk sein Diktator
„Guten Tag“, sagte er, „ich bin von der GEZ, und so wie ich sehe, haben Sie einen Fernseher, den Sie nicht angemeldet haben.“ Ich fragte ihn, was ihn berechtigte, an meiner Tür zu klingeln und mir diese Botschaft zu verkünden. Er zeigt mir seinen Ausweis. „Sie benehmen sich wie ein Spitzel“, sagte ich. „Nein, ich bin kein Spitzel“ erwiderte er. Er agiere im Auftrag der Gesellschaft. „Ja“, antwortete ich, „ich habe zwar einen Fernseher aber wie Sie gerade sehen, gucke ich nur den türkischen Sender. Und soweit mir bekannt ist, gehört der türkische Sender nicht zu den öffentlichen Rundfunkanstalten.“ Alle Proteste halfen nichts. Der Mann füllte ein Formular aus und verlangte meine Unterschrift. Seitdem bezahle ich Rundfunkgebühren, auch, wenn ich mit dem Programm absolut unzufrieden bin. Ich hätte gerne ein Mitspracherecht bei der Feststellung der Gebühren. Jetzt lasse ich mein Radio und meinen Fernseher ständig laufen. Meinen Nachbarn gefällt das nachts nicht so gut, aber ich erwidere ihnen, dass ich Gebühren zahle, damit ...
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Erste, erste, erste
Er schaute in die Runde und sagte zu seinen Genossen: „Es gibt keinen Rassisten mit Migrationshintergrund. Ist das nicht wahr meine Herren?“ Die Herren nickten und der Sitzungsleiter erklärte mir meine Aufgabe. Wenn ich gewählt würde, sollte ich die Stadtentwicklung so voran treiben, dass die Bürger mit Migrationshintergrund im Namen des sozialen Friedens in bestimmten Straßen angesiedelt werden.  Man kann zusammenleben ohne zusammen wohnen zu müssen! Eine Subvention muss her, damit deutsche Restaurants an den Hauptgeschäftsmeilen der Stadt eröffnet werden. Schluss mit orientalischem Bazar auf deutschem Boden. Die Werbung muss frei von ausländischen Wörtern sein. „Sie sind deutscher Schriftsteller, für Sie wird es sicherlich leichter sein, die Reinheit der deutschen Sprache zu verteidigen, als für einen Deutschen“, fügte er hinzu. Nachdem  meine Aufgabe klargestellt worden war, wurde mir ein verlockendes Angebot gemacht. Mein Gehalt würde geteilt, ein offizielles Gehalt auf mein deutsches Konto überwiesen und das inoffizielle auf ein ausländisches Konto.  Die Wahl war zu 90% sicher, da einer der Anwesenden ...
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Hochzeit im Tandure
Nach einem halbstündigen Telefonat gab Tanja auf und versprach Thomas in eines der nächsten Flugzeuge zu steigen, um in die Türkei zu fliegen. Die beiden kannten sich seit 4 Jahren, sie führten zwar eine glückliche Beziehung, aber nie war Heiraten Gesprächsthema gewesen. Während sie ihre Sachen packte, fiel ihr ein, dass sie auf keinen Fall ohne ihre Eltern heiraten wollte. Sie mussten unbedingt dabei sein. Sie konnte ihm in die Türkei folgen, aber heiraten wollte sie auf alle Fälle in Deutschland. Egal wie romantisch die Stadt auch sein mochte. Alles ging sehr schnell. Im Studentenreisebüro kaufte sie das Ticket für einen Flug von Hannover aus. Es war nicht ihre erste Reise in die Türkei, aber die aufregendste. Ihre Hände wurden feucht, wenn sie daran dachte, dass sie bald verheiratet sein würde, und ihr Herz raste. Sie suchte nach Ausreden um den hastigen Freund umzustimmen. Und nachdenklich traf sie einen überglücklichen Thomas, der sie mit einem Mietwagen vom Flughafen abholte und gleich nach ...
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Sowjethaus: eine Namensfindung
Wie soll so ein Ort heißen? Damals im Burundi Black habe ich erlebt, wie Deutsche, die ihren Urlaub in Afrika verbracht hatten, einige Tage nach ihrer Rückkehr zu mir kamen und enttäuscht erkannten, dass nichts Afrikanisches vorhanden war, außer dem Namen und einigen Mitarbeitern. Manchen, die mich beschimpften, entgegnete ich, dass ich kein afrikanischer Kulturattaché sei. Aus diesem Grund war für mich jeder Name, der afrikanisch klingt, tabu. Einen rein deutschen Namen fand ich auch nicht passend. Manchmal klang der Name rustikal, nach einem Ort, wo der Gast wahrscheinlich einen Schweinebraten erwarten wird. Und das ist nicht der Fall. Dann suchte ich einen ausländischen Namen. In Französisch waren die Namen entweder zu lang oder schwer zu merken. Ein weiterer Versuch in Latein klappte auch nicht. Irgendwann fiel mir das Wort “Beratung“ in der russischen Sprache ein: “Sowjet!” “Beraten” heißt “sowjetowat”. ‚Super‘, dachte ich und entschied mich ohne große Bedenken für “Sowjethaus”. Diese Entscheidung lehrte mich etwas Neues. Bis dahin dachte ich, ...
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Der Hellseher
Die Dunkelhaarige macht ein Handzeichen und zeigt mir, dass sie nichts Schlimmes daran findet, dass ich mein Ohr mitten in ihr Gespräch gehalten habe und fragt, wie ich ihnen helfen könnte. Ich schaue zu ihrer Freundin, sie ist etwas zurückhaltender. Ich teile ihnen mit, dass ich wahrsagen kann. Die Augen der Freundin leuchten. „Ehrlich?“ fragt sie. Ich nicke selbstsicher. Als ob sie sich auf einem Förderband befinden, rutschen die beiden zu mir und stellen sich vor. Die Dunkelhaarige, die offener ist, verrät ihren Namen: Nina, und ihre Freundin, schüchterner und ein bisschen mollig mit nicht übersehbarem Busen heißt Sarah. Ihr Interesse, in die Zukunft zu sehen, ist sehr groß. Sie wollen, dass ich gleich loslege. Ich sage ihnen, dass ich eine Vorbereitungszeit brauche. Sie sollen mir ihre Namen auf ein Blatt Papier schreiben. Ich werde mich nach 48 Stunden melden und ihnen sagen, was ihnen in der Zukunft blüht. Mit einer Haltung, die bedeutet, dass sie die Wahl haben, sage ...
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