Kolumne

Traurige Verbrüderung
Der kahle Kopf war mit einer schwarzen Tinktur überzogen und bildete eine perfekte Maske, die nur aus der Nähe als eine solche zu erkennen war. Dann erlitt ich einen Schock: Ein Hakenkreuz und einige Wörter waren auf den Kopf gekritzelt.  Die Frau hatte auf ihrem ganzen Körper Tätowierungen und machte ein böses Gesicht. Beide vermieden meinen Blick, denn weiterhin suchte ich einen Blickkontakt mit den Beiden, um ihre Reaktion zu sehen.   Da kein anderer Kunde in der Nähe stand, versuchte ich vergeblich der Kassiererin anzusprechen; sie arbeitete stoisch weiter.  Ich wollte mich gerne mit jemandem über diese Parodie amüsieren. Der Mann bezahlte seine Einkäufe, nahm mit einem Ruck seine Quittung entgegen und ging. Ich bezahlte auch zügig und begab mich zum Ausgang. Das Paar stieg in einen Firmenwagen und fuhr davon. „Warum hat er sich bloß als Schwarzer maskieren lassen?“ ich dachte, ich würde einen Bruder grüßen und grüßte stattdessen einen Neo-Nazi. „Wenigstens hatte ich es geschafft, dass er meine Begrüßung erwidert hatte. ...
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Auf dem Weihnachtsmarkt
Montag, den 12. Dezember 2011 um 02:09 Uhr Alle Jahre wieder freue ich mich im November auf den Weihnachtsmarkt. Meine Begeisterung für dieses kulinarische Festival ist so groß, dass ich schon beim Aufbau dabei bin. Ich fasse nichts an, aber ich stehe auf der anderen Seite der Straße und schaue den Arbeitern und den Aufstellern zu, wie sie die Hüttchen hinstellen und dekorieren. Dann bin ich natürlich dabei, wenn es los geht. Als Milchtrinker gönne ich mir an dem Tag ein einziges Mal im Jahr ein bisschen Alkohol und trinke genau ein Glas Glühwein, aber mit Schuss natürlich. Danach gehe ich nach Hause und komme ein anderes Mal, um Poffertjes zu essen, ein weiteres Mal für gebackenen Camembert und so weiter bis ich alle Stände durchprobiert habe. Man kann sich fragen, warum ich nicht an einem Tag mehrere Spezialitäten probiere und mich stattdessen die ganze Saison über auf dem Weihnachtsmarkt herumtreibe. Der Grund ist einfach, ich möchte die Geschmäcker nicht mischen, außerdem ...
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Airbags gegen die Fremdenfeindlichkeit
Den Fremden begegnen wir überall, am Arbeitsplatz, auf dem Sportplatz, in der Freizeit, unter Freunden und in der Liebe. Ein Erfahrungsbericht Preis: 7,00 Euro ISBN : 978-3-9812160-1-1 Mohito Verlag Bestellung über: http://www.sowjethaus.de/kiosk/
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Bin ich doch alt?
Noch einmal ist mir mein Alter klar geworden, als ich zu einer 24-jährigen Kellnerin gesagt habe: „die junge Frau dort möchte einen Kaffee.“ „Wen meinen Sie?“ „Die da“. Die Kellnerin guckt mich verblüfft an und sagt: „Die soll jung sein?“ Ich habe gelacht und gewusst, dass sie auch mich gemeint hat. Denn ich bin sicherlich noch älter als die Frau, die ich ihr gezeigt habe. Einige Tage später will ich eine Freundin zu einem Konzert mitnehmen. Ich komme sehr früh an und warte im Wohnzimmer auf sie. Ein typischer Samstagsnachmittag. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen im Haus. Die Tochter Maria sperrt sich im Badezimmer ein, die Mutter steht davor und ruft, dass sie sich beeilen soll. Auf dem Sofa sitzt ihr Sohn Matthias mit einer Spielkonsole in der Hand. Nach dem Geräusch des fließenden Wassers, hört man nun den Fön aus dem Badezimmer. „Bist du jetzt fertig?“ fragt die Mutter mit leichter Verärgerung in der Stimme. Sie betritt das Badezimmer, kaum will sie ...
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Erotik und Freiheit
Neben den Moralaposteln gab es die Angsthasen, so wie ich, die sich mit Fantasien begnügten oder sich freuten, wenn sie irgendwann echte Frauen nackt zu sehen bekamen, wenn diese endlich einmal beschlossen hatten, eine Freundin zu werden. So kamen es, dass, sobald einer irgendwann geschafft hatte, eine Frau in sein Bett zu locken, er sich Zeit nahm und sie ganz lange streichelte, während er jedes Teilchen ihres Körpers verinnerlichte. Er nahm jedes Haar in sein Gedächtnis auf, den Hals, die Oberweite, den Bauch, jeden Speckring, die Hüften und die Beine. Man brauchte aus dem benachbarten Zimmer nur eine Frauenstimme zu hören und schon bildete sich eine Frauenfigur vor dem geistigen Auge. Und wenn die Jungs in den Ferien nach Westberlin fuhren, stürmten sie die Porno-Kabinen rund um den Zoologischen Garten, bevor sie die Weiterfahrt antraten. Nun zog ich nach der Wende in die demokratische freie Republik Deutschland um. Komischerweise war Geld meine erste größte Sorge in diesem Land mit seiner freien ...
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