Kolumne

Ich oute mich
„Oder möchtest du wissen, wie oft am Tag ich Sex habe?“ Er schüttelt verneinend den Kopf und beginnt klagend zu erzählen, wie es ihn bedrückt habe, dass ich nicht Bescheid über seine Homosexualität weiß. Unter welchem Druck muss Bernd leben, wenn er sich verpflichtet fühlt, mich über seine sexuelle Orientierung aufklären zu müssen? Ich versuche mich in seine Haut zu versetzen und erinnere mich an einen Redner am Christopher Street Day, der im Radio der Jugend „traue dich, oute dich“ zugerufen hat. Da ich selbst wegen meines sexuellen Lebens unter psychischem Druck leide, fällt mir ein, dass ich mich auch outen sollte, um weiterhin frei und ungehemmt leben zu können. Ich habe eine Geliebte und aus diesem Grund viele Gewissensprobleme. Wenn ich meine Freunde um Rat bitte, höre ich immer wieder, „das ist nicht normal, du musst aufhören. Du musst dich für eine Frau entscheiden.“ Das ist aber nicht so leicht. Falls ich mich entscheide, von Zuhause auszuziehen, denke ich an ...
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Morgen heirate ich deine Tochter
Betrübt bin ich deinetwegen, das muss ich dir jetzt verraten. Ich möchte, dass du Bescheid weißt, bevor ich deiner Tochter das Ja-Wort in der Kirche gebe. Ich verfasse sozusagen einen Abschiedsbrief von meiner Junggesellenzeit. Ich würde mich Morgen unwohl fühlen, wenn ich dir diese Gedanken weiterhin verschwiegen hätte. Und ich würde wünschen, dass der Inhalt nur unter uns bleibt. Wärest du fünfundzwanzig Jahre jünger hätte ich lieber dich geheiratet. Du hast oft gesagt, dass du dich freust, mich als Schwiegersohn zu haben, aber ich sage dir, dass ich mich freuen würde, dich als Ehefrau zu haben. Aber da ich so spät geboren wurde, bin ich glücklich, dich wenigstens kennengelernt zu haben. Denk mal daran, wie gut wir uns verstehen ohne viel sagen zu müssen. In den ersten Stunden, als Bianca mich dir vorgestellt hat, habe ich gespürt, was für ein liebevoller Mensch du bist. Obwohl ich dich gebeten habe, meine Gedichte nur als literarische Schöpfung zu betrachten, wusstest du sicher, dass ...
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Bin ich doch alt?
Noch einmal ist mir mein Alter klar geworden, als ich zu einer 24-jährigen Kellnerin gesagt habe: „die junge Frau dort möchte einen Kaffee.“ „Wen meinen Sie?“ „Die da“. Die Kellnerin guckt mich verblüfft an und sagt: „Die soll jung sein?“ Ich habe gelacht und gewusst, dass sie auch mich gemeint hat. Denn ich bin sicherlich noch älter als die Frau, die ich ihr gezeigt habe. Einige Tage später will ich eine Freundin zu einem Konzert mitnehmen. Ich komme sehr früh an und warte im Wohnzimmer auf sie. Ein typischer Samstagsnachmittag. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen im Haus. Die Tochter Maria sperrt sich im Badezimmer ein, die Mutter steht davor und ruft, dass sie sich beeilen soll. Auf dem Sofa sitzt ihr Sohn Matthias mit einer Spielkonsole in der Hand. Nach dem Geräusch des fließenden Wassers, hört man nun den Fön aus dem Badezimmer. „Bist du jetzt fertig?“ fragt die Mutter mit leichter Verärgerung in der Stimme. Sie betritt das Badezimmer, kaum will sie ...
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Erotik und Freiheit
Neben den Moralaposteln gab es die Angsthasen, so wie ich, die sich mit Fantasien begnügten oder sich freuten, wenn sie irgendwann echte Frauen nackt zu sehen bekamen, wenn diese endlich einmal beschlossen hatten, eine Freundin zu werden. So kamen es, dass, sobald einer irgendwann geschafft hatte, eine Frau in sein Bett zu locken, er sich Zeit nahm und sie ganz lange streichelte, während er jedes Teilchen ihres Körpers verinnerlichte. Er nahm jedes Haar in sein Gedächtnis auf, den Hals, die Oberweite, den Bauch, jeden Speckring, die Hüften und die Beine. Man brauchte aus dem benachbarten Zimmer nur eine Frauenstimme zu hören und schon bildete sich eine Frauenfigur vor dem geistigen Auge. Und wenn die Jungs in den Ferien nach Westberlin fuhren, stürmten sie die Porno-Kabinen rund um den Zoologischen Garten, bevor sie die Weiterfahrt antraten. Nun zog ich nach der Wende in die demokratische freie Republik Deutschland um. Komischerweise war Geld meine erste größte Sorge in diesem Land mit seiner freien ...
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Das binationale Fest
Zuhause hatte sie nur noch den Fernseher im Kopf. Immer wieder brachte sie das Thema ins Gespräch. Warum ich dagegen sei und warum und warum? „Wir haben doch Geld auf dem Sparbuch!“ protestierte sie. Das war eben der Grund, warum ich stumm blieb, ich wollte keinen Cent aus dem Sparkonto für ein Gerät ausgeben, das wir nicht brauchen. Da ihr Geburtstag bevorstand, schlug ich ihr vor, ein Fest zu veranstalten, und in der Einladung sollte sie ihre Freunde bitten, ihr Geld statt Geschenke zu überreichen, damit sie ihren Traum verwirklichen könnte. Zuerst gefiel ihr der Vorschlag. Dann stellte sie fest, nachdem sie die Gästeliste aufgestellt hatte, dass das zu erwartende Geld nicht ausreichen würde. Bei der Aufstellung hatte sie an Personen gedacht, die über genügend Mittel verfügen und großzügig sind. Es durfte niemand sein, der trotz der Bitte, mit einer Flasche Sekt auftauchen würde. Zumal sie bei einem Bekannten erlebt hatte, wie ein Gast dem Geburtstagskind Meerschweinchenfutter schenkte, weil dieser um etwas ...
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