| Deutsch denken |
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| Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS |
| Donnerstag, den 24. September 2009 um 07:17 Uhr |
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Am 14. September stieg ich in Paris in den Zug ein, der nach Brüssel fuhr. Ein TGV. Ich nahm neben einem Franzosen Platz und schaute mich befremdet um. Mein Sitznachbar beobachtete alles und fragte mich, ob ich etwas suche. Ich verneinte und sagte ihm, dass ich das erste Mal in einem TGV reise und dass ich mich über die Ausstattung wundere. „Wie denn?“ fragte er. Ich sagte, dass mir der deutsche ICE besser gefiele. Die Franzosen hätten meiner Meinung nach keinen Sinn für Ästhetik, der Zug sei überhaupt nicht schön. Mein Gesprächspartner war in seinem Ego getroffen und mit leichter Verärgerung in der Stimme entgegnete er, dass der TGV viel schneller als der ICE sei. „Mag sein“ erwiderte ich achselzuckend, „mir ist es relativ egal, ob ich eine halbe Stunde früher ankomme oder nicht.“ „Für einen Geschäftsmann wie mich aber nicht“ sagte mein Sitznachbar. Ich hatte gute Laune und hörte nicht auf den Franzosen zu ärgern. Sticheleien, die ich gerne mache, wenn ich einem Franzosen begegne, denn zwischen Franzosen und afrikanischen Frankophonen, der ich bin, existiert eine Art Liebesbeziehung, die ein Präsident einmal so zum Ausdruck gebracht hat: „Afrika ohne Frankreich, das ist ein Auto ohne Fahrer, und Frankreich ohne Afrika ist ein Auto mit einem leeren Tank.“
Also fuhr ich fort, man nehme die Gegebenheiten in Kauf, der Mensch hat sich immer angepasst. Die Menschen haben auch miteinander gehandelt, als man mit dem Pferd mehrere Tage von Paris nach Brüssel gereist ist. Einige Minuten später beschloss ich meinen Sitznachbarn ein bisschen zu schmeicheln. Ich erzählte ihm, dass ich nicht alles in Deutschland schön fände. „Was zum Beispiel?“ fragte er prompt. Ich überlegte einen Augenblick und sagte, die Rechenkunst der Deutschen. Egal, welche Entscheidung in der Regierung getroffen wird, man hört sofort die Frage: „Wer soll die Kosten übernehmen? Der Bürger, die Kommunen, die Länder oder der Bund?“ Mit dem Beispiel schaffte ich nicht wirklich, ihn zu erheitern. Er lenkte seinen Blick auf das Fenster und fing an die Landschaft zu betrachten.
Der Zug schien zu fliegen. Es gelang mir nicht, die Namen der Bahnhöfe, die wir passierten, zu lesen. Jeder Fahrgast versuchte sich zu beschäftigen. Einige lasen, andere schauten ins Leere und ich versank in meinen Gedanken. Plötzlich hörte ich einen Schrei. Eine Frau, die vorne im Waggon saß, hielt ihren Bauch. Ihre Nachbarn standen auf und baten um Hilfe. Ein Mann rannte weg, um nach einem Zugbegleiter zu suchen. „Sie hat Wehen!“ rief eine Frau, „schnell, suchen Sie einen Arzt.“ Einige Reisenden sprachen der Frau Mut zu. Ein Zugbegleiter kam und eilte wieder weg. Wir hörten eine Durchsage über die Lautsprecher: „Liebe Fahrgäste, einer Reisenden geht es nicht gut. Wir bitten Ärzte und Ärztinnen, die an Bord sind, sich möglichst schnell in Wagen 12 zu melden.“ Der Zugbegleiter kam zurück und bat alle Männer und Kinder den Wagen zu verlassen. Zum Glück hatten sich zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern gemeldet. Sie baten um warmes Wasser und beruhigten die Frau. Für einen wie mich, der noch nicht Vater geworden ist, war das ein spannender Moment. Der Zugbegleiter holte Wasser aus dem Bordrestaurant. Die vier, die zur Hilfe eilten, leisteten gute Arbeit. Eine Weile später, erhielten wir die Meldung, dass ein Mädchen geboren sei. Wir applaudierten. Einige wollten die Neugeborene zur Gesicht bekommen, sie wurden daran gehindert. Alle mussten fern bleiben, die direkten Nachbarn wurden gebeten, andere Plätze zu suchen. Die Ärzte überwachten Mutter und Tochter, während der Zug mit voller Geschwindigkeit durch die Landschaft raste. Ich ging zu meinem Platz zurück. Mein Sitznachbar blickte mich lächelnd an: „Wir erleben eine Geburt bei hoher Geschwindigkeit. Statt TGV, Train à grande vitesse, sollte man diesen Zug Naissance à grande vitesse nennen, NGV.“ In Brüssel angekommen, stellte ich fest, dass die Feuerwehr bereitstand. Die roten Männer und Frauen warteten auf dem Gleis. Sie stiegen ein und holten die Frau mit ihrer Tochter aus dem Zug. Der Zugführer kam und überreichte der glücklichen Mutter einen Fahrschein auf Lebenszeit für die neue Erdenbürgerin. Ein Fahrgast besorgte eine Flasche Champagner im Bordrestaurant, schenkte einige Becher voll und verteilte sie an die Umstehenden. Wir klatschten und wünschten dem schnellen Mädchen viel Glück im Leben. Während ich meinen Champagner trank, spürte ich jemanden an meinem Hemd ziehen. Ich drehte mich um und sah meinen Sitznachbarn. „Wie hätten die Deutschen reagiert, wenn die Geburt in einem ICE stattgefunden hätte?“ Ohne nachzudenken sagte ich: „Die Deutschen hätten dem Mädchen niemals einen Fahrschein auf Lebenszeit geschenkt, sie hätten wahrscheinlich die Mutter gebeten nachzuzahlen, weil unterwegs ein Reisender dazu gekommen ist.“
Luc Degla
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