| Auf dem Weihnachtsmarkt |
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| Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS |
| Montag, den 12. Dezember 2011 um 02:09 Uhr |
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Alle Jahre wieder freue ich mich im November auf den Weihnachtsmarkt. Meine Begeisterung für dieses kulinarische Festival ist so groß, dass ich schon beim Aufbau dabei bin. Ich fasse nichts an, aber ich stehe auf der anderen Seite der Straße und schaue den Arbeitern und den Aufstellern zu, wie sie die Hüttchen hinstellen und dekorieren. Dann bin ich natürlich dabei, wenn es los geht. Als Milchtrinker gönne ich mir an dem Tag ein einziges Mal im Jahr ein bisschen Alkohol und trinke genau ein Glas Glühwein, aber mit Schuss natürlich. Danach gehe ich nach Hause und komme ein anderes Mal, um Poffertjes zu essen, ein weiteres Mal für gebackenen Camembert und so weiter bis ich alle Stände durchprobiert habe.
Man kann sich fragen, warum ich nicht an einem Tag mehrere Spezialitäten probiere und mich stattdessen die ganze Saison über auf dem Weihnachtsmarkt herumtreibe. Der Grund ist einfach, ich möchte die Geschmäcker nicht mischen, außerdem habe ich einen Grund, dem Leben auf dem Land zu entfliehen und in die Stadt zu kommen. Während meines jüngsten Besuches habe ich Wildgoulasch gegessen. Das Essen hat mir so gut geschmeckt, dass ich im Nu fertig war. Ich gehe zu meinem Auto und stelle fest, dass mein Parkschein noch vierzig Minuten gültig ist. Da ich der Stadt kein Geschenk zu Weihnachten machen möchte, beschließe ich zu warten, bis die Gültigkeit abläuft. Ich stelle mich rücklings gegen das Auto, schaue den Passanten zu und vertreibe mir die Zeit, indem ich versuche die Art der vorbeigehenden Rudel zu erraten: das sind Kollegen, Oma und Enkelkinder, ganze Familienclans, Freunde, Freundinnen usw. Eine Gruppe von Asiaten geht lässig an mir vorbei. Sie werfen neugierig ihre Blicke auf verschiedene Objekte in der Gegend und bewegen sich auf den Eingang des Marktes zu. Ich vermute Touristen, denn fast alle besitzen Kameras und tragen sie baumelnd am Handgelenk, einige sind nur damit beschäftigt, Fotos zu machen. Von meinem Platz aus ist der Blick auf den Weihnachtsmarkt herrlich, ich wünsche mir, dass die Innenstadt immer so bunt leuchtet, die Menschen so gut gelaunt und christlich fröhlich sind, obwohl die wenigsten von ihnen jemals eine Kirche betreten werden. Ich wünsche mir, dass die Tage nicht so schnell vorbeigehen, denn ich will diese Weihnachtsmarktzeit genießen, ich überlege mir, einige Freunde anzurufen und mich mit ihnen das nächste Mal hier zu verabreden. Ein Junge, der eine Jacke mit Kapuze trägt, kommt in meine Richtung. Ich denke zuerst, er ist der Fahrer des vor mir geparkten Autos. Nein, er lächelt, grüßt mich, holt einen Aufkleber aus seiner Tasche und klebt ihn auf dem Pfeiler neben mir fest und setzt seinen Weg fort. Neugierig versuche ich den Aufkleber zu lesen und stelle fest, dass er zu einer politischen Demonstration in einem Vorort der Stadt aufruft. Plötzlich höre ich ein schätzungsweise neunjähriges Kind heulen, es läuft neben seiner Mutter her und schreit: „Nein, ich will aber… ich will… “. Aus dem Gespräch entnehme ich, dass die beiden auf dem Weihnachtsmarkt waren und dass das Kind ein Spielzeug wollte. Die Mutter redet laut und meint, dass das Kind viel zu viel Spielzeuge zu Hause hat. „Bald ist Weihnachten, ich bin mir sicher, du bekommst noch Geschenke vom Opa und Oma… hör auf jetzt!“ Aber der Junge will nicht aufhören zu protestieren und heult weiter. „Du hast schon zu viel Spielzeuge!“ wiederholt die Mutter. „Und du?“ erwidert der Junge, „du hast 39 Parfums und ich habe nur 21 Spielzeuge! Ich muss noch mindesten 18 Spielzeuge bekommen.“ „Es ist mein Geld“, betont die Mutter. „Nein, es ist Papas Geld. Papa arbeitet“, sagt er und bleibt stehen. Die Mutter sagt kein Wort mehr und setzt ihren Weg fort. Ein anderer Teenager bleibt vor mir stehen, er hat den Aufkleber, den der erste gerade aufgeklebt hat, entdeckt. Er geht zu dem Pfeiler und versucht ihn zu entfernen, schafft es aber nicht. Die anderen müssen ihre Aufkleber mit stärkerem Klebstoff herstellen lassen, denke ich. Anscheinend will er auch nicht zu lange vor dem Pfeiler stehen bleiben, denn nachdem er hastig zweimal versucht hat, den Aufkleber abzureißen, nimmt er rasch einen anderen aus seiner Jacke und klebt ihn darüber. Der Mensch ist wirklich ein Tier, denke ich und schüttele meinen Kopf. Die beiden Teenager haben sich genau wie Rüden verhalten, es fehlt nur noch, dass sie gegen den Pfeiler pinkeln. Statt Urin haben sie Aufkleber in der Tasche und ziehen damit durch die Stadt. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich nur noch eine Minute übrig habe. Ich steige ins Auto, zünde den Motor und fahre langsam aus der Lücke, damit ich auf die Minute genau losfahre. Ich sehe im Rückspiegel, dass ein anderes Auto blinkt, um den Parkplatz zu besetzen. Auf dem Weg nach Hause fahre ich an einer Tankstelle vorbei. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich der Benzinpreis im Verlauf des Nachmittages noch einmal ändern wird, ich fahre auf die Tankstelle und parke neben dem Staubsauger. Ich habe Glück, ich muss nur fünf Minuten warten, bis die Preistafel aktualisiert wird. Der Preis steigt um zwei Cent, also starte ich meinen Motor und fahre nach Hause ohne zu tanken. Morgen wird das Benzin vielleicht billiger. Wenn nicht, fahre ich eben mit dem Bus. Im Bus werde ich bleiben, solange mein Ticket gültig ist, auch wenn ich meine Zielhaltestelle vorher erreiche. Einem Konzern mache ich keine Geschenke - nur den Sternsingern.
Luc Degla |


