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Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Freitag, den 19. August 2011 um 20:04 Uhr

Seit zwei Wochen teile ich das Büro mit Bernd, meinem neuen Kollegen. Ungewöhnlich ist sein Schweigen heute, ich höre nur die Tastatur des Computers klappern und das Klicken der Maus. Ab und zu spuckt der Drucker Blätter aus, dann steht er auf, holt sich das Blatt und heftet es in einen Ordner. Wir haben uns sonst viel über die Angehörigen der Firma unterhalten, er hat sich nach den Chefs erkundigt, bei wem er aufpassen muss und so weiter.

Nach einer Weile frage ich ihn, was los sei, warum er so bedrückt und unruhig wirke. Er überlegt und sagt zögerlich, dass er mir mitteilen möchte, dass er schwul sei. „Was geht mich das an?“ frage ich.

„Damit du es von vorneherein weißt“ entgegnet er. Kopfschüttelnd sage ich: „Ich verstehe nicht ganz, warum du mir unbedingt offenbaren musst, dass du schwul bist. Die Sexualität ist doch eine private Angelegenheit oder nicht? Erwartest du von mir, dass ich dir sage, dass ich ein Hetero bin?“

„Nein“, antwortet er.

 

„Oder möchtest du wissen, wie oft am Tag ich Sex habe?“ Er schüttelt verneinend den Kopf und beginnt klagend zu erzählen, wie es ihn bedrückt habe, dass ich nicht Bescheid über seine Homosexualität weiß.

Unter welchem Druck muss Bernd leben, wenn er sich verpflichtet fühlt, mich über seine sexuelle Orientierung aufklären zu müssen? Ich versuche mich in seine Haut zu versetzen und erinnere mich an einen Redner am Christopher Street Day, der im Radio der Jugend „traue dich, oute dich“ zugerufen hat. Da ich selbst wegen meines sexuellen Lebens unter psychischem Druck leide, fällt mir ein, dass ich mich auch outen sollte, um weiterhin frei und ungehemmt leben zu können. Ich habe eine Geliebte und aus diesem Grund viele Gewissensprobleme. Wenn ich meine Freunde um Rat bitte, höre ich immer wieder, „das ist nicht normal, du musst aufhören. Du musst dich für eine Frau entscheiden.“ Das ist aber nicht so leicht. Falls ich mich entscheide, von Zuhause auszuziehen, denke ich an meine Kinder und an meine Frau, die plötzlich allein dastehen werden. Entscheide ich mich, mit meiner Geliebten Schluss zu machen, denke ich an das gute Essen, das sie zubereitet, wenn ich sie besuche.

Auf dem Weg nach Hause beschließe ich Tabularasa zu machen. Ich werde meiner Frau verkünden, dass ich eine andere habe, von der ich mich nicht lösen kann. Um mich, wie Bernd, frei zu fühlen, bin ich bereit die Konsequenzen zu tragen.

Zu Hause empfängt Bettina, meine Frau, mich lächelnd, sie erzählt wie ihr Tag gelaufen ist, was die Kinder für Unfug veranstaltet haben, usw. „Oh Gott“, denke ich, „sie hat so eine gute Laune, wie soll ich ihr gestehen, dass eine andere in meinem Geiste weilt?“

Plötzlich stellt Bettina mir die Frage, die ich Bernd gestellt habe: „Was ist mit dir los? Du wirkst bedrückt.“

„Ich muss mich outen“, sage ich. „Als was?“ fragt Bettina sichtlich gespannt. „Als Ehebrecher“, entgegne ich. Sie sieht mir in die Augen und sagt: „Glaubst du, dass ich blind bin? Ich habe das schon lange beobachtet und dir nur nichts gesagt. Ich wollte wissen, wie lange du das Spiel treiben wirst. Ich dachte eben schon, du wärest jetzt auch noch schwul geworden.“

Ich bin verwirrt, Bettina hat alles schon lange gewusst, sie kennt sogar den Namen und die Anschrift meiner Geliebten. „Was soll ich machen?“ denke ich und bleibe reglos sitzen. Bettina steht schweigend auf, nimmt den Autoschlüssel, verlässt das Haus und fährt weg.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich will Anke anrufen, denke kurz nach und lege das Handy wieder zur Seite. Bevor ich eine Entscheidung treffe, ziehe ich mich lieber in mein Arbeitszimmer zurück. Falls ich ausziehen muss, dann suche ich mir eine eigene Wohnung, ich möchte nicht zu Anke ziehen.

Die Tür geht auf, Bettina steht auf der Schwelle und sagt: „Ich habe mich mit Anke unterhalten“. Mein Herz rast, ‚was hat Bettina bei Anke gesucht?‘ Der Schweiß fließt mir über die Stirn. „Ich habe Anke gesagt“, fährt sie fort, „wenn sie schon mit mir den Mann teilt, dann muss sie mich auch ein bisschen entlasten. Wir haben abgemacht, dass sie einmal pro Woche für dich und die Kinder Abendbrot macht. Du nimmst die Kinder mit und ihr esst bei ihr. Damit habe ich wenigstens einen Tag für mich frei.“

Das Outing hat mich wirklich befreit, jetzt will ich den Verein „Menschen mit großem Herzen“ gründen. So, wie es Männer und Frauen gibt, die auf Menschen mit gleichartigem Geschlecht stehen, gibt es auch Männer und Frauen, die ein Herz für zwei, drei, vier Partner mit ungleichartigem Geschlecht haben. Wir müssen uns auch outen und bis in den Bundestag gehen, um für unsere Rechte auf sexuelle Vielfalt zu kämpfen. Warum nicht, wenn heute selbst die Asexuellen, Menschen, die keine Lust auf Sex haben, für ihre Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen. Wer ist dabei?

 

Luc Degla

 

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