| Morgen heirate ich deine Tochter |
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| Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS |
| Donnerstag, den 30. Juni 2011 um 06:35 Uhr |
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Welch eine Stimmung! Aus der Wohnung dringen die Gespräche und das Gelächter der Gäste in mein Ohr. Wir haben den Junggesellenabschied, den Polterabend, die Einladungen und andere Vorbereitungen hinter uns. Es fehlt nur noch ein Schritt, damit deine Tochter ganz meine Ehefrau wird: die Trauung Morgen. Es ist ein Moment, in dem ich meine Gefühle kaum beschreiben kann. Ich bin glücklich und gleichzeitig angespannt. Meine zukünftige Ehefrau und ich bekommen nur freundliche Wünsche zu hören. Wobei nicht alle Ehepaare, die ich kenne, einen glücklichen Eindruck vermitteln. Aus diesem Grund habe ich deiner Tochter gesagt, dass wir freiwillig und selbstbestimmt in die Ehe gehen und genauso rausgehen können, wenn es mal soweit kommen sollte, dass die Stimmung sich während der Partnerschaft verändert. Natürlich habe ich nicht vor, gleich auszuziehen, sobald eine Unstimmigkeit auftritt, aber ein großer Philosoph möchte ich wegen meines Daseins als Ehemann nicht werden. Denn, wer einmal in seiner Ehe unglücklich wird, fängt an, Theorien über Familienleben und Ehe zu entwerfen und überall zu erzählen, wie die Welt im besten Fall aussehen soll.
Betrübt bin ich deinetwegen, das muss ich dir jetzt verraten. Ich möchte, dass du Bescheid weißt, bevor ich deiner Tochter das Ja-Wort in der Kirche gebe. Ich verfasse sozusagen einen Abschiedsbrief von meiner Junggesellenzeit. Ich würde mich Morgen unwohl fühlen, wenn ich dir diese Gedanken weiterhin verschwiegen hätte. Und ich würde wünschen, dass der Inhalt nur unter uns bleibt. Wärest du fünfundzwanzig Jahre jünger hätte ich lieber dich geheiratet. Du hast oft gesagt, dass du dich freust, mich als Schwiegersohn zu haben, aber ich sage dir, dass ich mich freuen würde, dich als Ehefrau zu haben. Aber da ich so spät geboren wurde, bin ich glücklich, dich wenigstens kennengelernt zu haben. Denk mal daran, wie gut wir uns verstehen ohne viel sagen zu müssen. In den ersten Stunden, als Bianca mich dir vorgestellt hat, habe ich gespürt, was für ein liebevoller Mensch du bist. Obwohl ich dich gebeten habe, meine Gedichte nur als literarische Schöpfung zu betrachten, wusstest du sicher, dass du meine Muse bist und dass diese Gedichte ausschließlich für dich geschrieben wurden. Bianca hat nie Interesse für all das, was ich tue gezeigt. Wie oft gingen wir zusammen ins Kino oder ins Theater? Dein Mann und meine zukünftige Ehefrau hatten nichts anderes als Spott dafür, dass wir beide Kutlturinteressierte sind. Sie sind nie mitgegangen und haben uns lieber am Ende der Vorstellung abgeholt. Die Entscheidung für deine Tochter hilft mir zum Teil auch in deiner Nähe zu sein. Ich habe mich sozusagen bewusst für die Kopie entschieden. Vielleicht überrascht dich meine Wortwahl, aber ich meine es tatsächlich so. Guck mal, immer wieder wenn Bianca kochen will, muss sie dich anrufen, um das Rezept zu erfragen, Sie hat nie gewusst, welches Geschenk mir gefallen könnte und musste dich immer um Rat bitten. Deine Fröhlichkeit, deine Energie, deine Warmherzigkeit, deine Intelligenz, deine Schönheit und deine stets gepflegten Kleider habe ich immer bewundert. Ich sehe in meinem Bekanntenkreis keine Frau wie dich. Du bist du und einzigartig auf dieser Welt. Was nun? Als ich beschlossen habe, dieses Schreiben zu verfassen, habe ich zuerst gedacht, dass dies Unfug ist, dass ich dich damit vielleicht überfordern, nerven oder irritieren könnte, erlaube mir aber das Gefühl zu haben, vor der Ehe alles hinter mir gelassen zu haben. Ich werde Morgen ganz frei und zufrieden vor dem Altar stehen, ich werde beten, dass du so schnell wie möglich Oma wirst, dass ich damit wenigsten meine Kinder in deinen lieben Händen sehen kann. Ich hoffe, dass dein Ehemann schätzt, was für eine Frau er hat. Das möchte ich sehr hoffen, weil ich während unserer unzähligen Gespräche nie ein Dankeswort dir gegenüber von ihm gehört habe. Kann sein, dass nach vielen Jahren die Liebe eines Paares zu einem selbstverständlichen Zusammenwohnen degradiert wird, aber ich habe ihm gesagt, dass er seiner Frau mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Ich habe mehrmals erlebt, wie du vom Friseur zurückgekommen bist und ihn gefragt hast, wie er deine Frisur findet. Diese einfache Frage endete immer wieder im Streit. Damit hat er sich verraten. Er begehrt dich nicht mehr und ich wünsche mir, dass sich das ändert. Liebe Emma, ich ergebe mich in deine Hände, sowie ich es mit meiner Mutter getan hätte. Oder werde lieber meine große Schwester. Bianca hat nicht deine Güte und dein liebesvolles Wesen also kann ich auch nicht erwarten, dass sie deine Weisheit erlangt, aber schon ein Bruchteil davon würde mich glücklich machen. Ich verspreche dir, deine Tochter zu lieben, so wie sie ist. Mit ihren guten sowie schlechten Charaktereigenschaften, falls sie mir unerträglich wird, komme ich zu dir und hole mir Ratschläge oder lasse mich trösten. Ich freue mich, dich als Schwiegermutter zu haben und auf das Fest, das Morgen stattfinden wird. Ich habe 51 Rosen für deinen Tisch im Tanzsaal bestellt. Sie sind nur für dich. Schlaf gut und sei liebevoll umarmt.
Luc Degla |


