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Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Donnerstag, den 30. Juni 2011 um 06:32 Uhr

Wann ist das noch passiert? 2007 oder 2009? Nein, ich glaube eher 2008. Doch, 2008. Solche Gedankengänge sind mir bis vor einigen Jahren noch unbekannt gewesen, und jetzt mit den Jahren häufen sich solche Sätze, wenn ich mich an etwas erinnern möchte.

Da ich weder Kinder noch junge Mitarbeiter oder Kollegen habe, fällt es mir schwer die Zeichen der Zeit in den Gesichtern anderer Menschen zu sehen. Aber vor kurzem bekam ich den ersten Hinweis auf mein Alter, als ein junger Mann, auf den ich vor Jahren als Babysitter aufpassen musste, heiraten wollte und mich zu seiner Hochzeit einlud. ‚Ist er schon soweit?‘ dachte ich, ‚wie lange ist es her, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass er jemals Sex haben würde?‘ Wir werden selbst nicht alt, sondern die Jüngeren werden älter und schieben uns durch die Jahre.

Noch einmal ist mir mein Alter klar geworden, als ich zu einer 24-jährigen Kellnerin gesagt habe: „die junge Frau dort möchte einen Kaffee.“

„Wen meinen Sie?“

„Die da“.

Die Kellnerin guckt mich verblüfft an und sagt: „Die soll jung sein?“

Ich habe gelacht und gewusst, dass sie auch mich gemeint hat. Denn ich bin sicherlich noch älter als die Frau, die ich ihr gezeigt habe.

Einige Tage später will ich eine Freundin zu einem Konzert mitnehmen. Ich komme sehr früh an und warte im Wohnzimmer auf sie. Ein typischer Samstagsnachmittag. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen im Haus. Die Tochter Maria sperrt sich im Badezimmer ein, die Mutter steht davor und ruft, dass sie sich beeilen soll. Auf dem Sofa sitzt ihr Sohn Matthias mit einer Spielkonsole in der Hand. Nach dem Geräusch des fließenden Wassers, hört man nun den Fön aus dem Badezimmer. „Bist du jetzt fertig?“ fragt die Mutter mit leichter Verärgerung in der Stimme. Sie betritt das Badezimmer, kaum will sie die Tür hinter sich zu machen, stürmt Maria wieder hinein: „ich muss noch meinen Lippenstift holen. „Nun beeil dich!“ befiehlt die Mutter. Maria flitzt aus dem Badezimmer. Jetzt kann die Mutter endlich die Tür schließen.

Zehn Minuten später kommt die Mutter aus dem Badezimmer. Der Sohn wirft ihr einen Blick zu. „Bist du nicht zu alt für ein Veranstaltungszentrum wie das Frison?“ „Was?“ fragt die Tochter empört, „willst du auch zum Konzert ins Frison? Da will ich auch hin. Das ist doch peinlich.“

„Was ist dir peinlich?“ fragt die Mutter, „ich treffe mich mit meinen Freundinnen.“

„Ich auch!“ entgegnet Maria.

„Gut“, sagt die Mutter, „ich habe mich schon verabredet. Du kannst ruhig hingehen, wir tun so, als ob wir uns nicht kennen würden. Bist du einverstanden?“ Maria nickt und zieht sich zurück. Der Junge ruft: „Voll krass! Gut, dass ich nicht hingehen will.“ Eine Stunde später ist die Mutter als erste an dem Veranstaltungsort. Ein viertel Stunde nach der Mutter trifft die Tochter ein. An der Kasse stellt sie fest, dass sie nicht genügend Geld im Portemonnaie hat. Verzweifelt wirft sie einen Blick in den Raum, erspäht die Mutter, und ruft: „Mama!“

Maria hat gezeigt, wie die Interessenlage sich verändern kann. Die Mutter ist nicht mehr zu alt, als es um ihr Portemonnaie geht. Älter wären wir gerne als Kinder gewesen, wie sehnlich habe ich auf meinen achtzehnten Geburtstag gewartet, auf meine erste Reise allein in eine andere Stadt, auf alles, das ich nur als Erwachsener machen darf. Aber plötzlich ist für eine Bewerbung nicht nur mein Zeugnis relevant, sondern auch mein Alter. Aussortiert aus der Gesellschaft finde ich keinen Platz mehr. Traurig ist die Tatsache, dass diejenigen, die die Maßstäbe festlegen, selbst nicht jünger sind als wir.

Wie war es damals, als Geburten noch nicht genau dokumentiert wurden? Meine Großmutter kannte nur vier Altersstufen: Kinder, Heiratsfähige, Reife und Ältere. Die Last der Jahre wird immer schwerer und schwerer. In der Arbeitswelt wirft man den Jüngeren vor, dass sie keine Berufserfahrung haben, die Älteren sind unter Druck, weil sie fürchten, keine neue Stelle zu finden, falls sie ihre Arbeit verlieren. Der Prozess setzt sich stetig fort, weil es niemanden gibt, der den Unfug beenden will. Niemand will dazu gehören und alt sein. Aber, wenn ich nicht alt werden will, liegt es nicht daran, dass ich nicht zu der Liga der Älteren gehören möchte, es liegt nur daran, dass mir bewusst wird, wie die Lebenszeit sich verringert und sowie einer, dem die Füße immer schwerer werden je weiter er auf etwas Unerfreuliches zuläuft, fällt es mir schwer wieder ein Jahr älter zu werden. Wer mir aber eine Stelle verweigert, nur aus dem Grund, dass ich alt bin, dem sage ich einfach: „Bleiben Sie bitte ewig jung!“.

 

Luc Degla

 

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