| Erotik und Freiheit |
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| Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS |
| Mittwoch, den 20. April 2011 um 20:12 Uhr |
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Im kommunistischen Russland waren die Pornografie und ihre Nebenerscheinungen wie Bordelle, Sexshops, erotische Bilder, Striptease, Sexspielzeuge usw. verboten und galten deswegen unter anderem als Zeichen der demokratischen Freiheit. In den Filmen wurden nackte Frauen nur bis zum Busenansatz gezeigt. Der Zuschauer malte sich aus, wie es weiter unten aussehen könnte und musste sich damit zufrieden geben. Da in meiner Universität tausende junge Männer auf engem Raum lebten und Frauen selten waren, ging es in den Gesprächen viel um Frauen, um die Bedürfnisse des Körpers und die Befreiung der Seele. Um diese Anspannungen zu stillen, brachten afrikanische Studenten harmlose Zeitschriften, wie zum Beispiel Bravo, aus dem Westen Europas mit. Die mutigsten unten ihnen schafften es, doch richtige Pornohefte einzuschmuggeln. Diese Unternehmung war aber sehr gefährlich, weil die, die man erwischte, exmatrikuliert und ausgewiesen wurden.
Neben den Moralaposteln gab es die Angsthasen, so wie ich, die sich mit Fantasien begnügten oder sich freuten, wenn sie irgendwann echte Frauen nackt zu sehen bekamen, wenn diese endlich einmal beschlossen hatten, eine Freundin zu werden. So kamen es, dass, sobald einer irgendwann geschafft hatte, eine Frau in sein Bett zu locken, er sich Zeit nahm und sie ganz lange streichelte, während er jedes Teilchen ihres Körpers verinnerlichte. Er nahm jedes Haar in sein Gedächtnis auf, den Hals, die Oberweite, den Bauch, jeden Speckring, die Hüften und die Beine. Man brauchte aus dem benachbarten Zimmer nur eine Frauenstimme zu hören und schon bildete sich eine Frauenfigur vor dem geistigen Auge. Und wenn die Jungs in den Ferien nach Westberlin fuhren, stürmten sie die Porno-Kabinen rund um den Zoologischen Garten, bevor sie die Weiterfahrt antraten. Nun zog ich nach der Wende in die demokratische freie Republik Deutschland um. Komischerweise war Geld meine erste größte Sorge in diesem Land mit seiner freien Marktwirtschaft. Ohne einen Gedanken an Sexshops zu verschwenden, stieg ich, aus Moskau kommend, in Berlin um und nahm den nächsten Zug nach Braunschweig. Das Geld, das ich hatte, reichte gerade für den Sprachkurs und bekanntlich lernt man eine Sprache nicht durch Erotikfilme. Ein Jahr nach meiner Einreise in die Bundesrepublik hatte sich meine finanzielle Lage ein bisschen verbessert und ich fand die Zeit gekommen, endlich meine „Freiheit“ zu genießen, indem ich ein Striptease-Lokal aufsuchte. Der Wunsch überkam mich, als ich mich genau auf der Reeperbahn befand. Wo sonst? Ich betrat den Laden und bezahlte, wenn ich mich richtig erinnere, 5 DM, dann wies mich der Mann am Tresen an, durch eine Tür zu gehen. Ich ging hindurch und befand mich auf einer Art Podest. Vorne Abgesperrt. Hinter der Absperrung begann eine runde Bühne sich zu drehen. Eine Frau in einem roten Bikini trat auf die Bühne, hielt inne und nahm eine Lara-Croft-Stellung ein. Sie strahlte weder Freude noch Frische aus, versuchte aber eine strenge Miene zu wahren. „Hi, ich heiße Tania, Versuch nicht weiter als bis zu der Absperrung zu gehen. Da ist eine Lichtschranke, und wenn die piept, wirst Du sofort rausgeschmissen.“ Ich nickte brav und ergeben. Dann fuhr sie fort: „Du hast die Gelegenheit mit mir allein zu sein. Wenn du willst, geh zum Tresen und sag, du möchtest allein mit Tania sein. Das kostet dann 10 DM.“ Angesicht der ganzen Komik schmerzten mich meine 5 DM schon. Noch zusätzlich 10 DM zu zahlen, war für mich fern jeder Vernunft. Ich sagte: „Nein! Ich möchte nicht allein mit dir sein.“ Dann ging die Tür neben mir auf und der nächste kam herein. Wir waren zwei Männer vor einer nackten unantastbaren Frau. Die Bühne drehte sich ununterbrochen. Lustlos wurde die Frau vierbeinig und schwang vom Kopf bis zur Hüfte und von den Hüften bis zum Kopf. Sie knöpfte ihren Büstenhalter auf und ließ zwei kleine handvoll Busen frei. Dann drehte sie sich um. Auf dem Rücken liegend zog sie ihren Schlüpfer aus. In Gedanken versunken fragte ich mich, ob das Ganze 5 DM Wert war. Ich ärgerte mich, da zu stehen und dem Spiel zuzuschauen. Dann holte sie mich aus meinen Gedanken, mit ihrer gespielt strengen Miene zeigte sie auf mich: „Du! Deine Zeit ist um. Du musst gehen.“ Wortlos verließ ich die Kabine, ohne mich zu verabschieden. Ich ging kopfschüttelnd aus dem Laden und dachte an die Feministinnen. Wer wurde hier für blöd gehalten? Sicherlich nicht die Frauen. Eine Nachbarin durch das Fenster zu spannen wäre viel ergiebiger, als das, was ich gesehen hatte. In Braunschweig angekommen erzählte ich meiner Nachbarin von meinem Abenteuer. Sie lachte mich aus und schlug mir vor, ihr Bescheid zu sagen, wenn ich mich nach einer nackten Frau sehnte. Sie würde mich, nachdem sie geduscht habe, einladen, ihr den Rücken einzucremen. Ich müsste auch nichts dafür bezahlen.
Luc Degla Nächste Lesung: Do. 19.05.2011 – 20 Uhr - Guten Morgen Buchladen, Bültenweg 87, Braunschweig www.literaturklub.de |


