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Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Dienstag, den 22. Februar 2011 um 00:10 Uhr

Fasziniert saß ich vor dem Fernseher und betrachtete die Bilder, die sich abspielten, als ein arabisches Volk seinen Aufstand gegen den verhassten Präsidenten probte. Ich fühlte, dass ich Zeuge eines historischen Wandels wurde. Die Kommentatoren sprachen von dem Wunsch des Volkes nach Freiheit und Demokratie. Laut der Mehrheit der Teilnehmer im Studio, sehnten die Menschen sich nach dem westeuropäischen Standard. Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger ließen sich leichter bekämpfen, wenn demokratische Verhältnisse im Lande herrschten. Ich hörte allen zu und freute mich, diesem Europa anzugehören, das so frei, friedlich und demokratisch ist. Plötzlich klingelte es an meiner Tür, „ich erwarte niemanden“ dachte ich und ignorierte das Summen. Aber das Klingeln wurde aufdringlicher. Ich warf einen Blick auf die Uhr, es war zehn. Ich fluchte, „wer kommt unangekündigt um zehn Uhr zu mir? Weiß jemand, dass ich Urlaub habe?“ Ich stand auf, ging zur Tür und öffnete. Ein Mann stand vor mir und versuchte in die Wohnung einzudringen. Ich versperrte ihm den Weg.

„Guten Tag“, sagte er, „ich bin von der GEZ, und so wie ich sehe, haben Sie einen Fernseher, den Sie nicht angemeldet haben.“

Ich fragte ihn, was ihn berechtigte, an meiner Tür zu klingeln und mir diese Botschaft zu verkünden. Er zeigt mir seinen Ausweis. „Sie benehmen sich wie ein Spitzel“, sagte ich. „Nein, ich bin kein Spitzel“ erwiderte er. Er agiere im Auftrag der Gesellschaft.

„Ja“, antwortete ich, „ich habe zwar einen Fernseher aber wie Sie gerade sehen, gucke ich nur den türkischen Sender. Und soweit mir bekannt ist, gehört der türkische Sender nicht zu den öffentlichen Rundfunkanstalten.“ Alle Proteste halfen nichts. Der Mann füllte ein Formular aus und verlangte meine Unterschrift.

Seitdem bezahle ich Rundfunkgebühren, auch, wenn ich mit dem Programm absolut unzufrieden bin. Ich hätte gerne ein Mitspracherecht bei der Feststellung der Gebühren. Jetzt lasse ich mein Radio und meinen Fernseher ständig laufen. Meinen Nachbarn gefällt das nachts nicht so gut, aber ich erwidere ihnen, dass ich Gebühren zahle, damit sie ihre Programme ausstrahlen können und aus diesem Grund möchte ich das Angebot voll nutzen, ob es mir gefalle oder nicht.

Bei der Arbeit beklagte sich mein Chef über die Berufsgenossenschaft. Wie berechnen sie ihre Gebühren? Sie schreiben, dass sie die Verordnung nach irgendeinem Sozialgesetz feststellen. Aber wie? Welchen Einfluss hat mein Chef darauf? Anscheinend keinen. Er muss zahlen.

Wir diskutierten und ich gab ihm den Tipp seine GEZ-Gebühren, so wie ich, voll auszunutzen. Dieser Rat von mir war ein Fehler. Er hatte das Radio neben seiner Kasse auf den Tisch gestellt und hörte nun die Nachrichten während der Arbeit. Nach einigen Tagen kam ein Kunde. Nachdem er bedient worden war, fragte er meinen Chef, ob er einen Vertrag mit der GEMA habe. „Warum?“ fragte mein Chef. „Ihre Kunden hören die Musik, das kann sie dazu animieren, mehr auszugeben. Dafür müssen Sie GEMA-Gebühren bezahlen.“ Mein Chef schimpfte und jagte den Mann weg. Es half nichts, seitdem bezahlt er monatlich GEMA-Gebühren.

Das ist merkwürdig, einerseits wird einem gesagt, dass man frei ist, aber andererseits kam man sich im Land kaum gegen Gebühren-Eintreiber verschiedener Couleurs wehren. Sie sind einfach da, staatlich und nicht staatlich. Sie haben in der Gesellschaft eine gottähnliche Stellung, sie wollen nur das Gute, sie sind gut und werden gebraucht oder pflichtverordnet.

Gerade verfolge ich im Fernseher den Parteitag einer deutschen Volkspartei. Die Delegierten und die Presse erwarten, dass die Vorstandsmitglieder mit mindestens 90% in den Vorstand gewählt werden. Die Kommentatoren analysierten und fanden in den Ergebnissen verschiedene Aussagen über die Stimmung der Mitglieder in der Basis. „Na dann“, dachte ich, „Gott sei Dank, dass man solche Ergebnisse nur an Parteitagen erlebt. Dem Volk bleibt es erspart die Politiker mit solchen traumhaften Ergebnissen wählen lassen zu müssen.“

Gut, dass wir das Glück haben über starke Gesetze und unabhängige Richter zu verfügen. Sie sind der Garant der Demokratie und sie sind gefragt in den Ländern der dritten Welt. Demokratie ist nicht nur gut, sie ermöglicht, dass ich so einen Text schreiben kann, ohne fürchten zu müssen, dass ich morgen die Nacht in einer Folterkammer verbringe. Trotzdem, wenn jemand mal wieder an meiner Tür klingelt, mache ich sie vorsichtig auf. Vielleicht steht der nächste Gebühren-Eintreiber vor der Tür.

Luc Degla