| Erste, erste, erste |
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| Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS |
| Montag, den 31. Januar 2011 um 10:10 Uhr |
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Der Sitzungssaal war spärlich beleuchtet, die Herren, die mit mir am Tisch saßen, trugen alle Anzüge und teure Armbanduhren. Sie unterhielten sich flüsternd untereinander und warfen mir ab und an einen Blick zu. Ich verstand nicht, wie ich in diesem Kreis gelandet war, niemand sprach mich an. Der Gastgeber, der auf einem Stuhl am Ende des Tisches saß, stand nach einer Weile auf, klatschte drei Mal in die Hände und zog dadurch die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich. Im Raum wurde es still, und er ergriff das Wort. Er hieß uns alle Willkommen und, sich an mich wendend, sagte er, dass alle, ich ausgenommen, wüssten, dass der Grund der Sitzung die bevorstehenden Wahlen seien. Dann fügte er hinzu, dass sie, auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten, an mich gedacht hätten. Sie wollten einige Probleme aus der Stadt verbannen, und einer wie ich sei der beste Mann für den Posten des Bürgermeisters. Um mir die Aufgabe, die auf mich wartete, zu verdeutlichen, sagte er, dass es um das Probleme der Ausländer gehe, die sich in der Stadt niedergelassen haben und heute die Ursache von viel Unzufriedenheit seien. Ein Bürgermeister mit Migrationshintergrund sei der gesuchte Mann. Er schaute in die Runde und sagte zu seinen Genossen: „Es gibt keinen Rassisten mit Migrationshintergrund. Ist das nicht wahr meine Herren?“ Die Herren nickten und der Sitzungsleiter erklärte mir meine Aufgabe. Wenn ich gewählt würde, sollte ich die Stadtentwicklung so voran treiben, dass die Bürger mit Migrationshintergrund im Namen des sozialen Friedens in bestimmten Straßen angesiedelt werden. Man kann zusammenleben ohne zusammen wohnen zu müssen! Eine Subvention muss her, damit deutsche Restaurants an den Hauptgeschäftsmeilen der Stadt eröffnet werden. Schluss mit orientalischem Bazar auf deutschem Boden. Die Werbung muss frei von ausländischen Wörtern sein. „Sie sind deutscher Schriftsteller, für Sie wird es sicherlich leichter sein, die Reinheit der deutschen Sprache zu verteidigen, als für einen Deutschen“, fügte er hinzu. Nachdem meine Aufgabe klargestellt worden war, wurde mir ein verlockendes Angebot gemacht. Mein Gehalt würde geteilt, ein offizielles Gehalt auf mein deutsches Konto überwiesen und das inoffizielle auf ein ausländisches Konto. Die Wahl war zu 90% sicher, da einer der Anwesenden das Pressemonopol in der Stadt besaß. Ihm gehörten die größte Zeitung und der Radiosender, der von den Bürgern am meisten gehört wurde. Ich hatte zehn Minuten Bedenkzeit, den Vorschlag anzunehmen. Eine Ablehnung bedeutete, dass ich die Stadt nicht liebe und dies wäre ein Grund, den Herren fortan aus dem Weg zu gehen. Da sie aus allen möglichen Bereichen der Stadt kamen, war mir klar, dass ich die Stadt verlassen müsste. Ich bekam einen Schreck, und wachte schweißgebadet auf. Es war nur ein Traum, mein Herz pochte. Wie konnte ich so etwas träumen? Während ich das Ticken meines Weckers hörte, grübelte ich darüber nach, was der Auslöser gewesen sein konnte. Die Debatten über die Migranten? Das wäre unmöglich. Was kümmert mich, dass jeder ein Integrationsexperte ist? Nach einer Weile fiel mir eine E-Mail ein, die ich vor einigen Tagen erhalten hatte. Der Inhalt der E-Mail besagte, dass ein Ghanaer als erster Schwarzer in der Hafenstadt Piran, in Slowenien, zum Bürgermeister gewählt worden war. Die E-Mail hatte mich empört. Was bringt es mir, wenn ein Ghanaer irgendwo auf dem Balkan Bürgermeister wird? Ändert das etwas in meinem Leben? Hat die Wahl von Obama etwas an meinem Leben verändert? Oder hat die Wahl von Angela Merkel, zur Bundeskanzlerin, die Lebensumstände meiner Freundin beeinflusst? Ich erinnere mich noch an den Wahlabend, als sie eine Sektflasche geöffnet hatte und ich sie gefragt habe, warum sie feiern wolle? Politiker gleich Politiker, egal, welchem Geschlecht oder welcher Ethnie sie angehören. Mich würden E-Mails interessieren, in denen ich die Namen der Unternehmen lesen werde, die ihre Arbeitszeit so gestalten, dass Frauen Beruf und Kinder problemlos vereinbaren können, die keine Bedenken haben, Ausländer einzustellen. E-Mails, die mir Hinweise auf Vermieter geben, die bereit sind, ihre Häuser oder Wohnungen ausländischen Mitbürgern zu überlassen. Ansonsten fällt mir zum Schluss noch die Antwort ein, die ein Pariser Penner einem Journalisten gab, als man ihn gefragt hatte, was er davon hielte, dass das nächste Mitglied der Academie française ein Schwarzer sei: „Ich freue mich, weil diese Wahl bedeutet, dass ich einem Schwarzen weniger auf der Straße begegnen werde.“
Luc Degla
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