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Hochzeit im Tandure PDF Drucken E-Mail
Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Montag, den 31. Januar 2011 um 10:07 Uhr

Thomas hatte in Istanbul an einer Konferenz teilgenommen und machte danach eine Reise durch die Türkei. Er entdeckte die Stadt Dersim und war davon begeistert. Er rief seine Freundin in Deutschland an und forderte sie auf, einen Flug zu buchen, um zu ihm zu kommen. „Was ist los?“ fragte die Freundin, „ich kann mich doch nicht von heute auf morgen ins Flugzeug setzen, nur weil du eine schöne Stadt in der Türkei entdeckt hast.“ „Doch!“ antwortete er und machte ihr am Telefon einen Heiratsantrag. „Wie romantisch! Soll ich dich ernst nehmen?“ Thomas gab nicht auf und fing an zu flehen: „Hier will ich dich heiraten.... Du kannst es dir nicht vorstellen, der Fluss, das Licht, das Panorama. Alles ist unbeschreiblich, ich bin völlig überwältigt.“

Nach einem halbstündigen Telefonat gab Tanja auf und versprach Thomas in eines der nächsten Flugzeuge zu steigen, um in die Türkei zu fliegen.

Die beiden kannten sich seit 4 Jahren, sie führten zwar eine glückliche Beziehung, aber nie war Heiraten Gesprächsthema gewesen. Während sie ihre Sachen packte, fiel ihr ein, dass sie auf keinen Fall ohne ihre Eltern heiraten wollte. Sie mussten unbedingt dabei sein. Sie konnte ihm in die Türkei folgen, aber heiraten wollte sie auf alle Fälle in Deutschland. Egal wie romantisch die Stadt auch sein mochte.

Alles ging sehr schnell. Im Studentenreisebüro kaufte sie das Ticket für einen Flug von Hannover aus. Es war nicht ihre erste Reise in die Türkei, aber die aufregendste. Ihre Hände wurden feucht, wenn sie daran dachte, dass sie bald verheiratet sein würde, und ihr Herz raste. Sie suchte nach Ausreden um den hastigen Freund umzustimmen. Und nachdenklich traf sie einen überglücklichen Thomas, der sie mit einem Mietwagen vom Flughafen abholte und gleich nach Dersim brachte.

Sie kamen in der Nacht an. Tanja war müde und ging ins Bett. Am nächsten Tag, beim Aufwachen, erblickte sie das Licht, das ins Zimmer drängte. Die Lichtstrahlen waren wie gefiltert und in Wellen zerlegt. Die Luft roch frisch und die Stimmen der Muezzin klangen melodisch in ihren Ohren. Sie schien von denselben Gefühlen wie Thomas erfasst zu werden und konnte verstehen, warum er sie so begeistert herbeigerufen hatte.

Nach dem Frühstück erklärte sie ihm, dass sie, bei aller Liebe, sich nicht vorstellen könne, im Rathaus der Stadt zu heiraten. Sie würde gerne ihre Eltern dabei haben, darauf lege sie wert. Um Thomas entgegen zu kommen, schlug sie ihm vor, nach ihrer Rückkehr, in Braunschweig nach einem türkischen Restaurant zu suchen, dessen Inhaber aus Dersim stammte und der in der Lage wäre, Spezialitäten aus dieser Stadt zuzubereiten.

Die Idee gefiel Thomas, aber wenigsten verlobten sie sich und tauschten Ringe aus, die sie beim Juwelier vor Ort besorgt hatten.

Wer könnte in Braunschweig aus Dersim stammen? Sie machten sich auf die Suche nach einem Gaststättenbetreiber und wurden schnell fündig. Metin kommt aus Dersim. Das passte ja gut. Das Ambiente im Tandure spiegelt das Leben in Dersim wider, sanfter, lautloser Betrieb, nur Messer und Gabel klirren. Der Ort stand also fest.

Endlich wurde die ersehnte Hochzeit gefeiert. Die Gäste waren zufrieden und nun wollte der Vater der Braut seine Rede halten. Die Rede auf die Tanja nicht hatte verzichten wollen und für die sie die Trauung in der Türkei abgelehnt hatte. Jetzt konnte ihr Vater reden, und er wollte das auch. Er stand auf, nahm einen Zettel aus seiner Jacketasche und faltete ihn auseinander, während er den Gästen sagte, dass er alles aufgeschrieben habe, um keinen Fauxpas zu begehen:

„Lieber Thomas, ab heute wirst du mein Sohn. Ich muss dir verraten, dass ich einige Prüfungen durchgeführt habe. Wir sind heute in der EU und alles ist genormt. Etwas, das viele nicht wissen, ist die Tatsache, dass es auch für Eheleute EU-Normen gibt. Nach der EU-Verordnung soll der Ehemann mindestens 10 Kilo schwerer als die Frau sein. Du wiegst 77 Kilo und Tanja 65 Kilo. Das ist knapp aber man kann ein Auge zudrücken. Auch wollen die EU-Funktionäre, dass der Mann einen Kopf größer als die Ehefrau ist, damit er beim Tanzen ihre Oberweite nicht zerdrückt. Du bist 1,90 m groß und Tanja 1,75 m. Das passt wunderbar.“

Die Gäste staunten. Der Vater nickte.... „Ja , meine Lieben, als Kind mochte ich gerne krumme Gurken, die EU hatte sie doch eine Zeit lang verboten.“ Er nahm einen Schluck Wein und las weiter von seinem Zettel: „liebe Tanja, nicht mal auf einen gemeinsamen Namen konntet ihr euch einigen. Das fängt ja schon gut an. Ich bin mit deiner Mutter seit 35 Jahren verheiratet. Wir mögen uns nicht mehr, jeder hat heute seine eigenen Interessen, trotzdem sind wir immer noch zusammen. So soll eine Ehe sein. Als Christen seid ihr vereint und so soll es bleiben. Ich wiederhole, ich kann deine Mutter nicht mehr ertragen, trotzdem leben wir unter demselben Dach...“

Der Vater redete weiter. Thomas’ Kopf wurde rot und die Gäste verbargen die Gesichter hinter ihren Servietten. Tanja sprang auf und verließ heulend den Raum. Thomas folgte ihr.

Als die beiden nach einer Stunde noch nicht zurückkamen, rief ein Onkel: „Das Buffet ist eröffnet, feiern wir bis das Brautpaar zurückkommt.“ Um Mitternacht war das Brautpaar immer noch nicht zurück. Die Gäste hinterließen ihre Glückwünsche im Gästebuch und zogen sich auch zurück. Einige dachten, dass die beiden vielleicht nach Dersim geflogen waren.

Luc Degla