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Sowjethaus: eine Namensfindung PDF Drucken E-Mail
Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Samstag, den 31. Juli 2010 um 20:30 Uhr

Ohne Nostalgiker zu sein oder jemandem zu nahe treten zu wollen, möchte ich Ihnen sagen, dass ich von der Idee des damaligen Freizeit- und Bildungszentrums (FBZ) fasziniert war, als ich neu nach Braunschweig kam. Man konnte sich dort zum Trinken, zum Karten- oder Schachspielen treffen, Seminarräume mieten und sogar Konzerte von Weltberühmtheiten besuchen. Ich träumte schon als Kind davon, ein Haus zu besitzen, in dem Freunde und Besucher aus der ganzen Welt willkommen sind und problemlos Unterkunft und Essen bekommen.

Die letzten Jahre verbrachte ich unter anderem damit, verschiedene Behörden und Einrichtungen in interkulturelle Fragen zu beraten. Dabei stellte ich fest, dass viele Deutsche, die ausländische Partner, Mieter oder Mitarbeiter haben, verzweifelt nach einer gemeinsamen Sprache mit ihnen suchen. Eine Lehrerin fragte nach afrikanischer Literatur und bekam ein Buch von Corinna Hoffman als Empfehlung. “Das ist doch keine afrikanische Literatur!" empörte sie sich und wandte sich an mich. Ich erkannte den Bedarf, nach diesen Informationen, in der Gesellschaft und beschloss, eine Begegnungsstätte zu eröffnen, wo jeder sich beraten lassen und gleichzeitig amüsieren kann. Dem Gewerbeamt sagte ich: “Ein Büro mit Ausschankerlaubnis oder die erste akademische Gastwirtschaft Braunschweigs.”

 

Wie soll so ein Ort heißen? Damals im Burundi Black habe ich erlebt, wie Deutsche, die ihren Urlaub in Afrika verbracht hatten, einige Tage nach ihrer Rückkehr zu mir kamen und enttäuscht erkannten, dass nichts Afrikanisches vorhanden war, außer dem Namen und einigen Mitarbeitern. Manchen, die mich beschimpften, entgegnete ich, dass ich kein afrikanischer Kulturattaché sei. Aus diesem Grund war für mich jeder Name, der afrikanisch klingt, tabu. Einen rein deutschen Namen fand ich auch nicht passend. Manchmal klang der Name rustikal, nach einem Ort, wo der Gast wahrscheinlich einen Schweinebraten erwarten wird. Und das ist nicht der Fall. Dann suchte ich einen ausländischen Namen. In Französisch waren die Namen entweder zu lang oder schwer zu merken. Ein weiterer Versuch in Latein klappte auch nicht. Irgendwann fiel mir das Wort “Beratung" in der russischen Sprache ein: “Sowjet!” “Beraten” heißt “sowjetowat”. ‚Super‘, dachte ich und entschied mich ohne große Bedenken für “Sowjethaus”.

Diese Entscheidung lehrte mich etwas Neues. Bis dahin dachte ich, dass die Deutschen Angst vor dem schwarzen Mann haben, aber ich stellte fest, dass die Angst vor den Russen noch viel größer ist. Einem Freund, der sich mit Vehemenz dagegen aussprach, sagte ich: “Du willst doch sonst immer der Tolerante sein!" “Ja, aber ein Ansturm von Russen ist etwas anders", antwortete er. Seitdem das Schild hängt, bleiben die Passanten vor dem Haus stehen und rätseln über den Namen. Einige trauen sich, treten ein und fragen, ob ich ein Russki sei. Ich lächele und antworte mit nein. Dann stehen sie völlig verunsichert da: “Gut ... ich finde den Namen OK.” Ein Gast sagte zu mir, nachdem ich ihm erklärte, dass ich in Russland studiert habe: “Ich wusste nicht, dass Du ein schwarzer Sowjet bist!”

Interessant fand ich es auch, als ich eine russische Künstlerin für einen Chansonabend engagieren wollte. “Wenn ich den Name Sowjet höre, denke ich an Diktatur" sagte sie. Wir unterhielten uns auf Deutsch, dann wechselte ich zu Russisch und sagte ihr, dass ich einige Ratschläge “Sowjeti” für die Einrichtung brauche. Sie bemerkte mein Spiel nicht und antwortete in der russischen Sprache, ohne dass ihr bewusst war, dass sie das Wort “Sowjet” benutzt hatte. Dann fragte ich wieder auf Deutsch: “Das heißt, dass du nur an Diktatur denkst, wenn das Wort Sowjet im Zusammenhang mit der deutschen Sprache verwendet wird?” Sie fühlte sich ertappt und lachte. “Das ist es”, meinte ich, “ich habe das Haus nicht Sowjetunion genannt. Die Sowjetunion war die Union der Räte und existiert nicht mehr. Ich hätte Ratshaus oder Rathaus sagen können, aber um Gottes willen, ich möchte nicht Burgermeister in Deutschland spielen.”

Alles in allem sind die Reaktionen geteilt. Die, die in den Achtzigern oder Neunzigern geboren sind, finden den Namen cool und die von der Generation Ü45 sind überrascht. Unsere Wahrnehmung hängt von der Vergangenheit ab. Einer Freundin, die mir sagte, dass sie an den eisernen Vorhang denke, wenn sie Sowjetunion höre, erwiderte ich, dass alles vom Betrachter abhänge. Für die Afrikaner und die Russen ist die europäische Union eine Festung. Statt in den Minenfeldern sterben heute viele Menschen in der Wüste oder im Mittelmeer. Ohne Wenn und Aber werden viele deutsche Wörter durch englische ersetzt. Kaum hat sich einer getraut und kombiniert die deutsche mit der russischen Sprache, fürchten die Menschen eine russische Invasion. Ein schöner Fall für die Ethnologie und die Psychologie. Wie reagieren die Afrikaner? Nach langer Überlegung sagte mein Vater: “Na ja, die Russen haben eine große kulturelle Tradition. Wenn eine Kultur- und Kommunikationseinrichtung einen russischen Namen trägt, ist das auch nicht verkehrt. Der Inhalt bestimmt alles.” Also, falls Sie in Dibbesdorf unterwegs sind, schauen Sie am Markt 6 vorbei oder besuchen Sie mich im Internet: sowjethaus.de.

 

Luc Degla

 

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