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Der undiplomatische Diplomat PDF Drucken E-Mail
Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Freitag, den 16. April 2010 um 10:54 Uhr

Der junge westafrikanische Diplomat, Martin Doto, hatte seine Karriere in den Sechzigern in der Vertretung seines Landes bei der UNO begonnen und wurde zwei Jahre später wegen undiplomatischen Benehmens von den USA nach Deutschland versetzt. Es herrschte noch Rassentrennung, aber die Diplomaten bekamen wenig davon mit, weil sie in New York und Washington weitgehend von den Auseinandersetzungen zwischen den Bürgerrechtlern und den Befürwortern der Rassentrennung abgeschottet waren. Der Vorfall, der zu seiner Versetzung nach Deutschland geführt hatte, ereignete sich, während einer Reise, die er aufs Land unternommen hatte. Die Fahrt dauerte etwas länger, als er sich gedacht hatte und wegen aufkommender Müdigkeit beschloss er, in einem kleinen Ort Rast zu machen. Er stieg aus, betrat ein Café und bestellte eine Limonade. Der Kellner erklärte ihm, dass er keine Schwarzen bedienen dürfe und empfahl ihm zwei Straßen weiter zu fahren, dort sei ein Lokal für Farbige. Herr Doto packte daraufhin den Kellner am Kragen und zischte: „Ich bin ein Afrikaner, der vor kurzem für die Unabhängigkeit seines Landes gekämpft und es von der kolonialen Herrschaft befreit hat. Und hier vertrete ich dieses Land und habe nichts mit eurer Rassengeschichte zu tun.“ Er zeigte ihm einen Dollarschein und fügte hinzu: „Dieser Schein ist genauso grün und hat denselben Wert, wie der, den ein Weißer Ihnen in die Hand gelegt hätte. Ich möchte trinken.“ Der Kellner schaute verzweifelt in die Richtung seines Chefs, der ihm zunickte. „O.K. Ich darf eine Ausnahme machen“, sagte er, nahm ein Glas, schenkte die Limonade ein und stellte es vor Herrn Doto.

 

Kaum hatte er sein Glas ausgetrunken, erschien die Polizei und bat ihn höflich, zu seinem eigenen Schutz, den Laden zu verlassen und seine Reise fortzusetzen. Als der Präsident in der Heimat von dem Vorfall erfuhr, hielt er es für besser seinen temperamentvollen Diplomaten in ein anderes Land zu versetzen, um die amerikanische Regierung nicht zu brüskieren, weil er auf deren Hilfe, aufgrund der sozialistischen Opposition im eigenen Land, angewiesen war.

Als Herr Doto in Bonn ankam, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Schon im Zug traf er bunte, komisch gekleidete Frauen, die laut fröhlich sangen, sprangen, tanzten und huhu riefen. Er begriff nicht, was los war. Er hatte sich kurz vor der Amtsantrittsreise über Deutschland informiert. Er hatte zwar viel über die beiden Kriege gehört, aber der Deutsche, als Mensch, war ihm unbekannt. Man erzählte ihm von dem Fleiß der Deutschen bei der Arbeit, ihrer Ordnung, ihrem Erfindergeist, ihrer Gesetzestreue und Paragrafenliebe. Die Deutschen hätten zwar viel Humor, aber locker würden sie nur, wenn der Alkoholpegel im Blut stiege. Sie zögen die Tragik vor, die Trauer, das Deprimierende. Im Fernsehen seien die Journalisten immer streif und ernst. Da er aufgrund dieser Lektüre nicht mit solch einem Treiben gerechnet hatte, dachte er, es fände eine Demo gegen die Bonner Regierung statt.

Er stieg aus dem Zug und machte sich durch die Menge auf den Weg zum Parkplatz, wo ein Chauffeur der Botschaft, ein deutscher Staatsbürger, auf ihn warten sollte. Der Fahrer erkannte ihn von weitem und winkte ihm zu. Er lachte, als er sah, wie eine Frau Herrn Doto einen Kuss auf die Wange drückte und der völlig überrascht hinter ihr herguckte. Plötzlich sah der Fahrer wie Herr Doto sein Gepäck fallen ließ und eine Verfolgungsjagd begann. Er lief in seinem Anzug hinter einer Frau her, weil diese ihm die Krawatte abgeschnitten hatte, gefolgt von den Freundinnen des verfolgten Weibs. Der Anblick war einmalig, es herrschte ein ziemliches Durcheinander, ein Polizist, der beobachtet hatte, wie der Fahrer den zurückgelassenen Koffer mitnahm, beschuldigte ihn des Diebstahls und wollte verhindern, dass er den Koffer einlud. Aber nachdem er den Wagen mit diplomatischen Kennzeichen gesehen hatte und den Ausweis des Fahrers überprüft hatte, glaubte er dem Fahrer.

In dieser Zeit hatte der wütend gewordene Diplomat die Frau eingeholt und ergriffen. Aber sie schlüpfte aus ihrem überdimensionierten Clownskostüm und überließ das Oberteil dem Diplomaten, der völlig außer Atem dastand und schaute, wie die Damen lachend weiterzogen.

Er begriff nicht, warum die Frau seine Krawatte abgeschnitten hatte und lief wütend zurück. Seine Lieblingskrawatte. Er hielt noch einmal an, drehte sich fassungslos um, guckte dann völlig enttäuscht den Rest der Krawatte auf seiner Brust an und schüttelte den Kopf, als der Fahrer von dem Polizisten begleitet, erschien. Der Polizist beruhigte ihn und wollte den Vorfall zu Protokoll nehmen. Herr Doto lehnte sofort ab. Er wollte seinen Präsidenten nicht schon wieder beunruhigen. Der Polizist und der Fahrer erklärten ihm, dass in der Region Weiberfastnacht sei und was das für Männer bedeutete. Er stieg ins Auto und fuhr in die Botschaft.

Drei Monate später sollten Frau und Kinder Herrn Doto nach Bonn folgen. Er war mit dem Chauffeur auf dem Weg zum Flughafen. Sie begegneten Männern, die Karren voller Getränke durch die Gegend schoben. Er fragte den Fahrer, was wieder los sei, was nun die Männer haben. Er befürchtete eine Kerlefastnacht, vielleicht würde dieses Mal ein betrunkener Mann seine Frau und seine Kinder küssen und nötigen. Der Fahrer beruhigte ihn und sagte, es sei Vatertag. Sie tun heute den Frauen gar nichts an, nicht mal ihren eigenen.

 

Luc Degla