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Kolumne - Da Capo Stadtmagazin BS
Dienstag, den 02. März 2010 um 02:49 Uhr

Eine schöne Frau

 

Seit einer Ewigkeit suche ich eine klare Antwort auf eine Frage: Was ist ein schöner Mann? Wie definiert sich ein schöner Mann? Ich habe die Frage meinen Schwestern gestellt. Ich hörte keine Kriterien, sondern „du bist ein schöner Mann.“ „Das ist doch klar“, dachte ich, wer würde seinem Verwandten sagen, dass er nicht schön ist? Niemand. Während meiner Unterhaltungen mit jungen Müttern in Parks hat keine mir gegenüber behauptet, dass ihr Sohn misslungen war. Er ist so süß! Guck, seine Augen. Das Kind ist immer süß und schön. So glaubte ich meiner Mutter auch nicht, als sie mir mit Zuversicht sagte: „Mach dir keine Sorgen mein Junge, du findest schon eine Frau.“ „Nein, Mama“ antwortete ich, „es geht nicht darum, dass ich mir Sorgen mache, sondern dass ich Kriterien für einen schönen Mann suche, so wie man sie für eine schöne Frau hat.“ „Sieh deinen Vater an, er ist ein schöner Mann. Nur sein Charakter ist schlecht, deswegen haben wir uns getrennt, weil ich seine schlechte Seite erst nach der Hochzeit entdeckt habe.“

So fand ich nie eine zufrieden stellende Antwort. Seit meiner Pubertät stellte ich die Frage den Frauen, mit denen ich liiert war. Es war komisch, sie antworteten alle wie meine Verwandten: „Du bist nett, du siehst gut aus.“ „Nun, ich weiß! Was ist für dich ein schöner Mann?“ „Mach dir keine Sorgen, ich habe nicht vor, einen anderen Mann zu suchen. So wie du bist, finde ich dich schön.“ „Ich möchte bitte die Kriterien wissen, die für dich einen Mann schön machen.“ „Mein Lieber, das Aussehen ist unwichtig. Das Herz ist entscheidend.“

Nachdem meine Freundinnen auch keine klaren Kriterien verraten haben, gab ich auf. Die Frauen wollen nicht sagen, was sie an den Männern schön finden. Und bis heute sind sie mir die Antwort schuldig geblieben: Große Männer, kleine Männer, bärtige Männer, vollbrustbehaarte Männer und glatzköpfige Männer finden eine Partnerin. Selbst ein deutscher Big-Manager, von dem ich nie erwartet hätte, dass er aufgrund seiner Figur eine Frau finden würde, fand eine. „Geld kann einen Mann auch schön machen“, sagte dazu meine Oma.

Im Gegensatz zu den Männern gibt es haufenweise Kriterien für eine schöne Frau: blond, dunkelhaarig, blauäugig, langbeinig, langhaarig und mit gitarrenförmigen Hüften. Wobei man unter diesen Kriterien zwischen nordländischen und südländischen unterscheiden muss. Bei den Südländischen gibt es wieder mediterrane und afrikanische Kriterien. Zum Glück kann ich zu den afrikanischen Kriterien viel sagen. In Schwarzafrika müssen die Frauen wackelnde Pos haben. Eine Frau, der die Natur ein betontes Gesäß geschenkt hat, findet sich schön und setzt dies richtig ein, indem sie geschmeidig ihre Hüften schwingt, wenn sie den Blick eines Mannes erspäht. Mit großen Augen bewundern die Männer, mit bebendem Herzen, solche Damen. Außerdem muss die Frau eine helle Haut haben. Hellhäutige Frauen gelten oft als schön, deswegen macht die Kosmetikindustrie mit bleichenden Cremes große Umsätze in Afrika.

Ich erzähle Ihnen das alles, damit sie sich vorstellen können, was für eine Frau ich kurz nach meiner Ankunft in Deutschland im Photomuseum getroffen habe. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, einer schönen Frau nach der afrikanischen Art in Braunschweig zu begegnen. Frauen, die martialisch Hosen trugen, riefen bei mir keine romantischen Gefühle hervor. Ich suchte eine Freundin und keinen Mann.

Nachdem ich an dem Tag den Eintritt zu einer Ausstellung über das Leben in England bezahlt hatte, betrat ich den Raum, wo die Frau allein anwesend war und völlig konzentriert die Bilder anschaute. Die Aufnahmen zeigten ein wildes Leben in einem Haushalt. Meine Augen erblickten ihren weiblichen Körper. Sie trug einen kurzen Rock, hatte einen sanften Speckring und ein Parfum, das mir angenehm in der Nase kitzelte. Ich überlegte mir, wie ich sie ansprechen konnte. Langsam schlich ich von einem Bild zum nächsten, während ich sie aus dem Augenwinkel beobachtete. Ich nahm mir Zeit und schaute ein Bild erst an, nachdem sie sich entfernt hatte. Nach einer Weile bekam ich eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen ließ: Sie lachte laut vor einem Bild. Ich schaute zu ihr, während sie kichernd zum nächsten schlenderte. Ich ging zu dem Bild und den Blickkontakt suchend lachte ich auch. „Gucken Sie mal, dieser Gesichtsausdruck“, rief ich ihr zu. Sie kam zurück, und wir kommentierten das Bild zusammen, was dazu führte, dass wir nun gemeinsam die restlichen Bilder anschauten.

Wir waren mit der Besichtigung fertig, duzten uns schon seit einer Weile und standen in einem Gespräch vertieft auf der Helmstedter Straße. Mein unruhiges Herz hatte ein bisschen Ruhe gefunden, aber je mehr ich ahnte, dass das Gespräch sich dem Ende zuneigte, desto nervöser wurde ich. Ich fragte, was sie machte, ob sie studiert oder arbeitet. Sie sagte, sie habe ihr Abitur bestanden und ziehe für ein Jurastudium nach Köln um. „Machen wir einen sanften Abschied?“ fragte ich. „Was heißt das?“ „Ich würde vorschlagen, dass wir unsere Nummern austauschen. Man weiß es ja nicht. Wenn du weitere Ausstellungen sehen willst, können wir vielleicht gerne zusammen hingehen. Außerdem, das Gefühl, die Nummer mitgenommen zu haben, würde mir das Gefühl geben, den Tag gut abgeschlossen zu haben.“ Sie lächelte, öffnete ihre Tasche und kritzelte einige Zahlen auf ein Blatt Papier. Wir tauschten die Nummern und jeder von uns ging seines Weges. Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief von ihr. Nach der üblichen Floskel schrieb sie, dass sie sich gut in Köln eingelebt habe. Sie teilte mir einige Zeilen weiter mit, dass sie ihre Schlüpfer, Größe 38, in der Waschmaschine gewaschen habe.

Ich fand die Information über die Schlüpfer komisch aber sehr nützlich. Die Frauen servieren den Männern den Kaviar immer unter einem Deckel. Der Mann muss ihn riechen, aufmachen und genießen. Ich war bereit für den Kaviar, der mir angeboten wurde. Ich rannte in ein Kaufhaus und kaufte einen Schlüpfer Größe 38, verpackte ihn und schickte ihn per Post, nachdem ich auf die Postkarte folgendes geschrieben hatte: Ich würde gerne sehen, ob dieser Schlüpfer dir steht.

Jetzt war ich auf die Antwort gespannt und wartete. Ich habe vier lange Jahre gewartet, bis ich eines Tages einen Brief von ihr erhielt: „Mein Lieber, ich habe dein Paket mit einer Verspätung von vier Jahren erhalten. Ein Nachbar hatte es in Empfang genommen und vergessen, mir zu geben. Erst während seines Auszugs fand er das Paket wieder und gab es mir ... Ich habe vor 6 Monaten das Ja-Wort gegeben.“

Ich war wütend. „Das kann nicht wahr sein“, dachte ich. Ich heulte und war tagelang traurig. Aber jetzt wächst die Hoffnung in mir, dass wir uns wieder sehen werden. Ich arbeite an einem Plan, damit ein Richter bald die Ehe annulliert.

 

Luc Degla