| Das Ende der Einsamkeit (Stadtbibliothek) |
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| Lesung - Nachlesen |
| Donnerstag, den 30. Juni 2011 um 06:25 Uhr |
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Das Ende der Einsamkeit Diese Geschichte wurde von Luc Degla und Heike Sommer am 29.06.2011 in der Stadtbibliothek Braunschweig vorgelesen. Die fünfunddreißigjährige Susanne hat bis jetzt stets alles im Griff gehabt. Sie hat die Schule sowie die Universität mit einer guten Note verlassen und eine gut bezahlte Stelle in einem Beratungsunternehmen gefunden. Mit ihren männlichen Kollegen versteht sie sich sehr gut. Zurück von einem Geschäftstermin sitzt sie erschöpft im Zug, sie hat keine Lust mehr etwas zu lesen oder zu arbeiten. Sie schaut abwesend aus dem Fenster in die grüne Landschaft, die den Sommer zelebriert. Auch, wenn niemand auf sie wartet, der Gedanke, dass sie sich bald zwei Tage zu Hause erholen wird, freut sie. Sowie der Zug durch Berge und Täler rast, schweifen ihre Gedanken zwischen dem, was sie in der Vergangenheit erlebt hat und was sie noch für die Zukunft erhofft. Neben ihr sitzt ein Mann, der konzentriert eine Zeitschrift liest. Er saß schon da, bevor Susanne dazu gestiegen ist. Eine Weile später klingelt das Handy ihres Sitznachbarn. Der Mann greift in seine Tasche, holt das Gerät heraus, wirft einen Blick auf das Display, um sich über den Anrufer zu vergewissern, und nimmt den Anruf entgegen.
Ungewollt hört Susanne dem Gespräch zu: „Hallo Schatz, wie gehts?“ „… Ja, kein Problem. Ich komme am Samstag vorbei.“ …. „Du kannst den Tisch reservieren. … gut . Gut.“ Der Mann schaltet ab, steckt das Handy in die Jackentasche zurück und nimmt seine Zeitschrift wieder in die Hand. Einige Minuten später klingelt das Handy noch mal. „Hallo Cherie“, „Ja … ja …“ „Ah du … ich bleibe nur eine Woche in Frankfurt, ich habe dieses Wochenende etwas vor. Lass uns lieber am Dienstag hingehen. Ich habe von dem Film gehört. Gut. Ich hole Dich ab.“ Der Mann beendet das Gespräch, schlägt die Zeitschrift zu und lehnt sich zurück. Susanne denkt kurz nach, ‚er hat sich bestimmt mit zwei verschiedenen Frauen verabredet.‘ Sie hat sich immer gefragt, was einen Mann bewegen könnte, eine Frau zu belügen. Viele Fragen gehen ihr durch den Kopf und machen sie unruhig. Sie überlegt sich, wie sie ein Gespräch mit dem Mann anfangen könnte. Sie blickt durch das Fenster und versucht den Mann aus dem Augenwinkel zu beobachten. Er ist gepflegt. Die Frisur steht ihm sehr gut und sein Parfum ist nicht aufdringlich, ein dezentes Parfum. Ein fünfzigjähriger Mann, der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens sein könnte. Ein typischer Satz, den man verwendet, um im Zug ein Gespräch anzufangen, fällt ihr ein: „Haben Sie noch lange zu fahren?“ „Ja“, antwortet der Mann, „zwei Stunden noch. Und Sie?“ Susanne antwortet, dass sie bis Berlin fahren werde, sie habe mindestens noch vier Stunden vor sich. Nach diesem kurzen Wortwechsel fangen die beiden an, sich zu unterhalten. Das war Susannes Wunsch und sie hat das Gespräch geschickt in Gang gebracht. „Entschuldigung“, sagt sie nach einer Weile, „ich würde mich gerne mit ihnen über ein bestimmtes Thema unterhalten. Eine Frage beschäftigt mich, die ich mit einem wie Ihnen besprechen möchte.“ Verblüfft fragt der Mann: „ Wieso einer wie ich?“ „Sie scheinen mir erfahren genug zu sein, um mir einige Dinge erklären zu können. Ich hätte mit Kollegen oder Verwandten reden können, aber bis jetzt habe ich mich nicht getraut. Ich kann mit Ihnen offen reden, weil wir uns nicht kennen und wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Ich glaube, ich irre mich nicht, und habe das Gefühl, dass Sie der passende Gesprächspartner sind.“ Der Mann lächelt: „Danke für das Kompliment.“ „Nein, ich meine es ernst. Wissen Sie, was diesen Wunsch bei mir ausgelöst hat?“ Der Mann schüttelt seinen Kopf. „Die beiden Gespräche, die Sie eben geführt haben.“ Der Mann stutzt. „Es tut mir leid, aber Sie haben laut geredet. Ich konnte es nicht überhören.“ Entschuldigt sich Susanne. „Worauf wollen Sie hinaus?“ fragt der Mann. „Sie haben doch eben mit zwei verschiedenen Frauen Verabredungen getroffen?“ Der Mann nickt. „Reicht Ihnen eine nicht? Sie betrügen die beiden doch?“ Während der Mann nach einer Antwort sucht, kratzt er sich seinen Bart, indem er mehrmals mit der Hand über sein Kinn fährt. „Ich betrüge sie nicht“, sagt er, „ich würde eine Frau betrügen, wenn ich Ihr sagen würde, dass sie meine einzige ist. Aber diese Aussage mache ich nicht. Wissen Sie, ich bin geschieden und habe einen Sohn, ich brauche keine neue Familie mehr zu gründen. Meine Arbeit erlaubt mir nicht, ein traditionelles Familienleben zu führen. Ich weiß nie, wann ich nach Hause komme, heute bin ich im Zug Richtung Frankfurt, es kann sein, dass ich übermorgen in Sydney bin, nächste Woche in Zürich und drei Tage später in Kapstadt. Also habe ich darauf verzichtet eine feste Frau oder Freundin zu haben.“ „Was machen Sie dann?“ „Die Damen, die angerufen haben, sind Frauen, mit denen ich eine nicht-beschriebene Beziehung führe. Ich sage mit Absicht nicht-beschriebene, weil Sie dafür keine Beschreibung im Wörterbuch finden werden. Manche verurteilen das, aber es ist gerade die Art Beziehung, die zu mir passt. Ob dies zu den Frauen passt, kann ich nicht an deren Stelle beantworten. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass sie keine Einwände haben und nicht mehr wollen als das, was ich ihnen anbieten kann. Jeder von uns behält seinen Freiraum.“ „Das ist doch unfair. Warum reicht Ihnen nicht eine Frau?“ „Wollen Sie über mich urteilen oder sich mit mir unterhalten?“ „Entschuldigung, ich bin nur verblüfft, reden Sie bitte weiter.“ „Ich verstehe die Gesellschaft nicht. Einerseits fordert man heute von den Menschen Mobilität und Flexibilität, aber gleichzeitig sollen wir eine klassische Ehe führen. Wie soll das gehen?“ „Sie haben Recht. Aber man kann doch seine Gefühle nicht einfach umstellen. Ich bin neugierig, ich möchte wissen, wie Sie das mit zwei oder mehreren Frauen handhaben.“ „Sie müssen die Sache nicht von meiner Seite aus betrachten. Versuchen Sie es von der Seite der Frauen zu sehen. Sie haben gehört, ich bin mit einer am Samstag verabredet und mit der anderen am Dienstag. Wäre es für die erste Dame besser am Samstag allein ins Restaurant, und für die andere besser am Dienstag allein ins Kino zu gehen?“ Die beiden schweigen, während Susanne nach einer Antwort zu suchen scheint. Aber der Mann fährt fort: „Lassen Sie mich Ihnen kurz die Dinge erklären. Ich bin keiner der Frauen verpflichtet. Sie haben keinen Anspruch mir gegenüber und ich auch nicht ihnen gegenüber. Ich besuche sie nie unangemeldet und schnüffele nicht in ihren Sachen herum. Ich zähle niemals ihre Kondome nach und respektiere stets ihre private Sphäre. Wenn ich bemerke, dass eine der Damen mit einem anderen Mann ein Verhältnis beginnt, ziehe ich mich zurück. Ich freue mich sogar für sie.“ „Was? Wie merken Sie denn, dass eine Frau einen neuen Freund hat?“ „Ich merke es immer. In den heutigen Zeiten ist es noch einfacher. Eine Person, die ständig auf ihrem Handy Kurznachrichten liest und schreibt, verrät zum Beispiel, dass sie verliebt ist.“ „Wie viele Freundinnen haben Sie denn, wenn ich fragen darf?“ „Ich kann es nicht genau sagen. Es gibt Freundschaften, die eher warm laufen, andere, die kalt sind und noch andere, die ganz still sind. Es ist sehr unterschiedlich, mit einigen Frauen gehe ich kaum ins Bett und mit anderen, wenn sie es wollen.“ „Sie benutzen die Frauen!“ „Wie kommen Sie darauf, dass ich die Frauen benutze?“ „Heute die eine, morgen eine andere.“ „Sie müssen die Sache aus der Sicht der Frauen betrachten. Bevor sie einsam sind, haben sie wenigsten jemanden, mit dem sie vieles gemeinsam unternehmen können. Zum Beispiel diejenige, mit der ich am Dienstag ins Kino gehen werde, mit ihr schlafe ich nicht und ich habe das auch nicht vor. Wir kannten uns nur flüchtig, bis wir uns in dem Warteraum einer Praxis getroffen haben. An dem Tag hat sie erfahren, dass sie eine lebensbedrohliche Krankheit hat. Sie kam heulend aus dem Besprechungsraum. Ich bat sie auf mich zu warten. Nachdem ich untersucht worden war, habe ich sie nach Hause gebracht und ihr Mut zugesprochen. Sie hatte niemanden. Ihre Eltern wohnen weit weg von Frankfurt. Die Krankheit benötigte eine lange Behandlungszeit, währendder ich sie oft besucht habe und hin und wieder mal zu Ausstellungen und Konzerten mitnahm. … Warum fragen Sie das alles?“ „Ich habe vor einem Jahr einen Mann im Internet kennengelernt. Und ich verstehe ihn nicht, Ich liebe ihn, aber er macht mich fertig.“ „Aha! In wie fern?“ „Ich glaube, ich bin ihm egal. Er ruft nie an. Dann taucht er plötzlich auf und macht einen Termin, ich kann nicht widerstehen, er kommt vorbei, wir schlafen miteinander und er verschwindet wieder. Aber ich bin überzeugt, er ist Single.“ „Woher wollen Sie das wissen?“ „Ich spüre es. Er hat beruflich viel zu tun.“ „Wissen Sie, an der Universität lernt man im Fach Internet-Marketing, dass der Konkurrent für den Kunden nur einen Klick entfernt ist. Er braucht nicht 100 m zu laufen, um den nächsten Laden zu betreten und den Preis zu vergleichen. Genauso muss Ihr Freund sich nicht viel bemühen, um neue Frauen kennenzulernen.“ „Aber ich liebe ihn und warte nur noch darauf, dass er sich meldet. Ich schicke ihm jeden Tag eine SMS und teile ihm mit, dass ich ihn vermisse. Er antwortet nur selten.“ „Da machen Sie einen entscheidenden Fehler. Sie dürfen einem solchen Mann nicht sagen, dass Sie ihn vermissen. Damit treiben sie ihn immer wieder in die Flucht. Sagen Sie ihm lieber, dass Sie ihn verwöhnen möchten. Ich bezweifele nicht, dass er anders reagieren wird, weil Sie ihm mit dieser Aussage versprechen, dass Sie etwas für ihn tun möchten. Aber wenn Sie ihm sagen, dass Sie ihn vermissen, stellen Sie sich in den Vordergrund, dadurch fühlt er sich bedroht und ergreift die Flucht.“ Der Reisende hält kurz inne und fragt: „Haben Sie schon öfter Männer im Internet kennengelernt?“ „Nein. Es ist das erste und einzige Mal. Es war ein Sonnabend, ich war zu Hause, und es war mir langweilig. Ich ließ mich auf das Sofa fallen und nahm eine Zeitschrift in die Hand, in der ich die Anzeige für ein Internetportal für Partnervermittlung gesehen habe, kostenlos für einen Monat. Ich dachte, ich probiere es mal, und habe mich angemeldet. Einige Tage später habe ich eine Nachricht von dem Mann erhalten. Wir haben uns nach einigen E-Mails verabredet und getroffen. Er war vornehm, sehr nett, und wirklich galant. Ich habe so einen Mann vorher noch nie gesehen. Er hat gesagt, dass seine Freundin ihn verlassen habe, er sei nicht sicher, ob er eine neue Beziehung anfangen soll. Er wäre vielleicht bereit, es zu probieren. Dann hat er mich nach Hause gebracht und sich vor meiner Haustür von mir verabschiedet. Das zweite Mal habe ich ihm selbst angeboten, mit nach oben in meine Wohnung zu kommen. Es war kalt, nach einem langen Spaziergang habe ich ihm Kaffee angeboten. Er kam zu mir, setzte sich in die Küche, wir redeten und haben uns sehr gut verstanden. Er trank seinen Kaffee aus und verabschiedete sich wieder. Ich dachte, wow. Was für ein Mann! Er bedrängt mich kaum. Wir haben viel später erst miteinander geschlafen.“ Der Reisende lacht. Irritiert fragt Susanne ihn, warum er lache. „Wissen Sie“, sagt er, „das Internet ist der größte Feind der Prostituierten. Das Internet hat das Geschäft der Bordelle kaputt gemacht. Die Männer finden Frauen ganz günstig und vergnügen sich.“ „Das machen Sie auch oder nicht?“ „Wollen Sie ihren Freund verstehen oder sollen wir uns über mich unterhalten? Im Unterschied zu Ihrem Freund, kann ich Ihnen sagen, dass ich keine Frau im Ungewissen über mich warten lasse, sie kennen alle meine Einstellung und treffen eigenmächtig die Entscheidung, mich zu sich zu lassen. Es ist eine Art freiwilliger Vergnügungsvertrag. Wenn ich merke, dass eine Freundin damit nicht klar kommt, ziehe ich mich zurück. Wir sind Partner und Partnerinnen.“ „Was ist mit der Moral?“ „Ich verstehe nicht.“ „Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen einer Frau gegenüber?“ „Von Gewissen kann nicht die Rede sein, weil es weder Versprechen noch Verpflichtungen gibt. Statt von Moral würde ich lieber von Regeln reden. Ich umarme und küsse nie eine Frau auf der Straße. Ich verabrede mich nie am selben Tag mit zwei Frauen, ich gehe nie mit einer Frau in eine Gaststätte, die eine andere mir als ihr Stammlokal gezeigt hat. Die Freundin einer Freundin ist tabu. Für alles im Leben gibt es Regeln. Jetzt reden wir lieber von Ihrem Typ.“ Susanne lächelt: „Es ist faszinierend Ihnen zuzuhören. Ich freue mich, dass ich mich getraut habe, Sie anzusprechen.“ „Wissen Sie“, fährt der Reisende fort, „Ihr Typ da ist raffiniert. Eine Frau erreicht man am einfachsten, wenn man so tut, als ob man kein großes Interesse an ihr hätte. Mit seiner Geschichte, dass er nicht sicher ist, ob er eine neue Beziehung anfangen soll, hat er Sie nur, wie man beim Kochen sagt, mariniert. Er hat Sie damit in den Kreis der Leidensgenossen geholt. Das schafft Solidarität und das Gefühl der Solidarität würde Sie in sein Bett locken. Sie gehören so zusagen zu derselben Spezies und damit bereitet er den Weg vor, Sie zu seiner nächsten Partnerin zu machen. Er hat keine Eile, mit Ihnen ins Bett zu gehen. Solche Männer wissen mit der Zeit zu spielen und zu arbeiten.“ „Ich kann das nicht glauben, er hat mir doch gezeigt, dass er mich liebt.“ „Er liebt Sie auf seine Art. Wissen Sie, die männliche Sexualität unterscheidet sich extrem von der weiblichen, da liegt das ganze Missverständnis. Während die Frau Gefühle und Sinnlichkeit mitbringt, ist der Mann nur über den Körper gesteuert.“ „Wollen Sie damit sagen, dass es keinen Mann gibt, der treu ist?“ „Das habe ich nicht behauptet. Zwischen dem Frauenheld und dem Frauensklaven gibt es kaum einen Unterschied. Sie können sich nicht vorstellen, welchen Aufwand es kostet, Termine und Ausreden zwischen verschiedenen Frauen zu koordinieren. Manche Männer wollen diesen Stress nicht und bleiben ihrer Partnerin treu. Ein anderer Grund für die Treue ist wahrscheinlich auch, dass man das tut, womit man leben kann. Mir macht es nichts aus, zu wissen, dass meine Freundin mit einem anderen Mann schläft. Eine Tatsache, mit der andere nicht leben können. Wer der Partnerin treu bleibt, bleibt letztendlich sich treu.“ „Sie sind verrückt.“ „Ich betrachte die Gesellschaft nur mit nüchternen Augen.“ Er schweigt kurz, denkt nach und fährt fort: „Wenn man alles bedenkt, was mit einer partnerschaftlichen Beziehung verbunden ist, die finanziellen Folgen inklusive, bleibt man lieber neben seiner Dame. Es steht manchmal viel auf dem Spiel und man brennt nicht einfach so durch.“ Mit leichter Erregung in der Stimme ergreift Susanne das Wort: „Wenn Sie meinen, dass mein Freund sich zwischen verschiedenen Frauen tummelt, dann bin ich für ihn egal oder beliebig austauschbar?“ „Nein, Sie sind ihm nicht egal. Das ist die Besonderheit an dem Ganzen. Wenn Sie ihm egal wären, dann würde er nicht mehr kommen. Etwas gefällt ihm an Ihnen, Ihr Mund, Ihre Hüften, Ihr Kuss oder einfach die Gespräche, die Sie führen, wenn er da ist. Irgendetwas bringt ihn immer wieder zu Ihnen zurück, wenn er das Bedürfnis hat.“ „Ich habe schon versucht, ihn eifersüchtig zu machen, indem ich von einem Kollegen erzählt habe, der mich einladen will.“ „Was hat er gesagt?“ „Nichts.“ „Das wusste ich. Lassen Sie das sein. Wenn Sie ihm von anderen Männern erzählen, wird er sich Ihnen nicht mehr verpflichtet fühlen. Er wird sich freuen, dass Sie einen anderen gefunden haben, der ihn praktisch befreit hat. Ich sage Ihnen, Sie haben es mit einem anderen Typ von Mann zu tun. Er hat genug Frauen.“ Susanne seufzt: „Was muss ich nun machen?“ „Versuchen Sie nicht, ihn besitzen zu wollen. Damit werden Sie sich kaputt machen. Nehmen Sie nur das, was Ihnen gut tut. Wenn Sie zu viel leiden, dann versuchen Sie die Beziehung zu beenden.“ „Ich kann die Beziehung nicht beenden. Ich habe es schon versucht. Ich schaffe es nicht.“ „Haben Sie schon mal von einer Drogentherapie gehört?“ „Ja…. .“ „Was Sie haben, ist wie eine Droge. Wenn Sie es beenden wollen, dann müssen Sie die Droge weiterhin nehmen, aber in kleineren Mengen. Wenn Sie ihm jeden Tag ein SMS schicken, dann versuchen Sie es nur alle zwei Tage zu tun. Dann einmal pro Woche. Irgendwann werden Sie von ihm kuriert sein.“ „Mensch! Das ist aber schwer. Ich mag ihn so gerne.“ „Sie sind nicht seine Einzige, glauben Sie mir. Ich kann nicht schätzen, wie viele Freundinnen er hat. Aber ab drei wird es kompliziert. Wenn Sie ihn herausfordern wollen, schreiben Sie ihm eine SMS und sagen, dass er nicht mehr als zwei Freundinnen haben sollte.“ „Was würde er tun?“ „Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht direkt auf die SMS antworten, sondern eine vage Antwort schreiben. Auf alle Fälle wird er eine Antwort geben.“ „Das glaube ich nicht. Er antwortet nicht auf meine SMS.“ „Versuchen Sie es“ Susanne greift zu ihrem Handy und tippt: Mein Süßer, du solltest nur zwei Freundinnen haben, dann findest du vielleicht ein bisschen Zeit für mich.“ Fünf Minuten später erhält Susanne per SMS den folgenden Satz: Meine Liebe, ich fliege jetzt nach China. Melde mich, sobald ich zurück bin.“ „Sie sind unglaublich!“ ruft Susanne. „Hat er Ihnen seine Wohnung gezeigt?“ „Ja! Darum sage ich, dass er Single ist“ „Das will nichts bedeuten. Vielleicht besitzt er eine zweite Wohnung für solche Angelegenheiten. Hat er Ihnen seine Freunde vorgestellt?“ „Nein!“ „Das sollte Sie misstrauisch machen. Wissen Sie, wenn Sie nur Spaß haben möchten, behalten Sie ihn. Aber, wenn Sie einen Partner suchen, dann vergessen Sie ihn.“ Während der Zug rollt, kommt die Ansage: „Liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Frankfurt. Danke, dass Sie mit der deutschen Bahn gereist sind… .“ Der Mann steht auf, sucht seine Sachen zusammen, gibt Susanne die Hand und verabschiedet sich. Lächelnd sagt sie: „Es war ein Vergnügen mich mit Ihnen zu unterhalten.“ Der Reisende steigt aus. Die Türen schließen sich und der Zug fährt weiter. Der Sitz neben ihr bleibt leer, niemand hat sich hingesetzt. Das ganze Gespräch geht ihr nun durch den Kopf. In Gedanken versunken fragt sie sich, ob sie einsam ist. Immerhin denkt sie an einen Mann, der sich ab und zu meldet und ihr Bett erwärmt. Wo ist er gerade? Sie seufzt und holt ein Buch aus ihrer Tasche „Montauk“ von Max Frisch. Sie versucht zu lesen. Geistig ist sie im Zug nicht mehr anwesend.
Luc Degla
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